AARGAUER LITERATURPREIS

Rede Christian Haller

Meine sehr geehrten Damen und  Herren –

Ich stehe da, um Ihnen zu danken – für eine Anerkennung, die mit dem Kanton verbunden ist, in dem ich heimatberechtigt bin, in dem ich schreibend lebe und dessen Name mir ein gewalttätig heftiges Reden bedeutet hat: Aargau. Grau und kühl steigen die Bilder der Erinnerung auf, distanziert, als sähe ich sie durch Glas und kann doch den erkalteten Stumpenrauch riechen, der von der Straße, entlang von Gärten, ausgegangen ist, die zu Großvaters Haus führte. Der Hund schlug an, ein Cockerspaniel, und sein Bellen war die Ouvertüre, während der Schritte vom schmiedeeisernen Gartentor zur Tür über der Treppe, wo die blaffenden Laute Wörter wurden, erst beiläufige, abschätzige Wörter -  So chonsch ä wiederemol verbii – um sich bei Wein und einem Zvieri zu dem gewalttätigen Reden zu steigern, das den Jungen, der ich war, glauben ließ, wer die Wörter auf die Art gebrauchen könne, dem sei die Welt ein Klumpen Lehm in der Hand, den er kneten könne, wie „es ihm passe“, unbesehen davon, was andere für Recht und Ordnung hielten. Und es waren gleichzeitig Reden, die mir die Sprache verschlugen, mich stumm und hilflos machten, weil ihre Wörter einzig dazu da waren, andere zu verletzten, den Vater, die Mutter, sie beide wie ein Papier, auf dem man sich „verschrieben“ hatte, wegzuwischen, mit ihnen „aufzuräumen und abzufahren“, wie mit den Dingen auch –

Es waren diese Gotthelfschen Töne, auf deren abgründige Bosheit hinter den uns angenehm anheimelnden Hörspielklängen Peter von Matt gewiesen hat, die mich zu einer Musik fliehen liessen, die weich und melancholisch war, leise und im Hintergrund spielte. Doch in ihrer Wärme, in dem Sehnsüchtigen und Weltoffenen war sie nicht weniger beeindruckend wie das Gewalttätige: Wasser, das fließt, Wörter, die sanft aus einer weichen melodischen Stimme kamen: "Dimbovita, apa dulce/ cine-o bea nu se mai duce..." - rumänische Sätze und Gedichte, die Mutter vor sich hinmurmelte, „Dimbovita, süsses Wasser/ wer dich trinkt, geht nicht mehr fort ...“, Sätze auch eines wunderbar antiquierten Deutsch, das Großpapa sprach, dessen heftigster Ausdruck ein „Sakrment“ war, und der Franz Hohlers Vater, damals ein Kind, ein deutsches Lied mit hoher Stimme auf dem Webereihof vorsang, er, der Direktor, dem Sohn seines Webermeisters.

Wie liebte ich diese anderen leisen und vornehmen Töne, die Bilder heraufbeschworen von einer ruhigen, gesitteten Lebensführung, inmitten einer bunten, sinnenlustigen Atmosphäre, die nach türkischem Kaffee roch - -

Doch ich wohnte im Aargau und stammte aus dem Stumpenland, in dem die väterliche Familie seit Jahrhunderten hinter der Moräne hockte, Störschneider, arme Leute, die mit „Muusers“ ein enges Strohhaus teilten, die sich wehren und heftig reden mußten, damit sie essen und überleben konnten.

Und ich werde den Moment nicht vergessen, da ich als junger Mann in einem Buchantiquariat einen Band in die Hand bekam, den ein „Haller“ geschrieben hat, und ein Bild auf dem Umschlag trug, das mich berührte (eine Zeichnung von Felix Hoffmann, wie ich später sah) und das mich den Band aufschlagen ließ. Wenn es nicht so sentimental klänge, würde ich Ihnen nun die Erschütterung beschreiben, die die Schlußzeilen eines Gedichtes in mir auslösten, die ich dort auf der Dünndruckseite las:

„Z oberscht uf dr Wasserflueh/ Stoht es Chrüppeltandli./ Z underscht uf der Bänkerstroß/ Lauft es Aschper Mandli!“

Als hätte da einer die inwendige Melodie des heftig gewaltätigen Redens gefunden! Und ich hörte und spürte, daß es die weichen, die vornehmen Töne, jene „rumänischen Klänge“, auch hier und in der Sprache meines Alltags gab. In ihr war ein Stück Leben einer Kindheit geborgen, die vielleicht die schönsten Momente auf den langen Wanderungen im Jura und auf den Fahrten zu den urgeschichtlichen Fundplätzen gefunden hatte. Eine lange Zeit und einen weiten Weg jedoch – bis nach Bukarest, in das gewalttätig zerstörte Bukarest Ceauscescus - brauchte es, mir endlich vor Augen zu führen, dass auch Rumänisch ein Klang des Schreckens sein kann, Rumänien ein Ort der Willkür - -

Ich stehe da, um Ihnen zu danken, der Jury des Aargauer Literaturpreises, dem Laudator, der Bank und den beiden Musikern, Ihnen allen für Ihre Anwesenheit. Ich danke für eine Ehrung, die nicht mir, sondern der Sprache gebührt. Entgegen der Hoffnung eines großväterlichen Freundes, bin ich Schriftsteller geworden, was er abschätzig-wynentalerisch „en Batzenschriiber“ nannte. So stehe ich also da, selbst ein Wynentaler – und danke für den Batzen.

28. 10. 06 christian haller