Christian Haller

Warum ich von diesem Buch so fasziniert bin; wie ich es lese. Ich wollte es ganz kurz machen, aber es ging nicht. Nun ein längerer Roman hat auch eine etwas längere Einführung verdient. Und ich werde ja nicht nur von einem, sondern von zwei Romanen reden. Und es sollte Christian Haller auch etwas Munition liefern für das nachfolgende Gespräch.

Das «Schwarze Eisen»: es geht um Stahl, das Harte, Sichtbare. Und es geht um Elektrizität, das Fliessendweiche, Unsichtbare. Um Materie und Energie also. Um die Grundsubstanzen der Schöpfung.

Es geht um Aufstieg und Fall des Hans H. Ein Bilderbuchunternehmer, ein Urgestein, Findling, monströse Einsamkeit, mit einer Geschichte, die im Armenhaus beginnt, schon an der ersten Hürde als Büroangestellter scheitert, dann führt sie ihn über die Fremdenlegion zum Direktor, zum Tycoon der Schweizer Stahl- und Elektrizitätswirtschaft, mit einigem Lavieren vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Aargauer Geschichte und eine Weltgeschichte. Eine Geschichte aus Hass, Neid, Rachsucht und Minderwertigkeitsgefühlen - eine Geschichte, die Hans H. selber nicht haben will, weil Geschichte heisst, dass man geworden ist und nicht frei: freier Unternehmer, vom Himmel gefallen. Einer wie Gott. Ein Gott, der das Pech hat, eine Schöpfung schon vorzufinden. So kann seine Schöpfung nur Melioration sein: der Landschaft, Wirtschaft und des Lebens. Mit seinen Worten: «aufräumen und abfahren»

Eine derartige Lektüre von Hallers Roman ist möglich, aber ungenügend. Denn ihm geht es darum, die Geschichte des Hans H. zu erzählen und gleichzeitig gegen sie zu erzählen. Sie zu dekonstruieren. Und so sollten wir es auch beim Lesen tun. Uns nicht blenden lassen. Blendung ist das Geschäft von Hans H.: Sein elektrisches Licht macht Sichtbares unsichtbar, versteckt. Hans H. übrigens war, für einen in der Fremdenlegion überlebensnotwendig, auch ein Geschichtenerzähler, ein Blender. Die Blendung schützte ihn, macht ihn unsichtbar und unangreifbar.

Wie lesen ohne uns blenden zu lassen? Indem wir nicht ins Licht sehen, sondern daneben, den Seitenblick üben, den untreuen Blick. Auch dem Buch gegenüber. Auf die andern Geschichten und Stimmen sehen und hören, auf die Dinge, mit denen es sich um sein Zentrum und aus dem Gleichgewicht bringt. Auf das Schwankende, das Unentschiedene, Unscharfe, Widersprüchliche. Davon lebt Hallers Roman, von der Vielstimmigkeit.

Das beginnt schon auf der ersten Seite des Romans. Sie bietet einen guten Einstieg, und man sollte auch immer wieder auf sie zurückkommen. Der Roman selber tut es auch.

Die erste Seite beginnt mit einem «Ruck»: «Ein Ruck - der Wagen wurde hochgehoben» etc. Es beginnt also schon damit, dass jemand von der Strasse, vom geraden, korrekten Weg, abkommt. Ein Auto, drin eine Familie. Aber das Buch redet schon da, auf der ersten Seite, nicht nur von jemandem, der von der Strasse abkommt. Es kommt selber vom geraden Weg ab. Wählt einen Schleuderkurs. Denn der erste Ruck rückt einen Erzähler in den Vordergrund, der ebenso drinnen sitzt (als kleiner Sohn des Lenkers erlebt er die Szene im Fond des Autos) wie draussen, als der Autor des Buches. Der erste Satz ist äusserst markant, er trägt eine Handschrift, die Handschrift Christian Hallers, der den hochgehobenen Wagen noch einmal hoch- und abhebt mit einem fasteine Seite langen Satz. Wir haben es also von Anfang an mit einem Echoraum von Stimmen zu tun. Bildlich gesprochen: mit einer Flucht von Perspektiven.

Der Ruck geht dann durch den ganzen Roman, ist sein Konstruktionsprinzip. Er ist das Symbol dieses Romans. Es gibt andere: der «Strom», die Glut. Der Ruck symbolisiert die Diskontinuität der Geschichte, ihre Sinnlosigkeit vielleicht. Er symbolisiert die unmittelbare, logische, deshalb beängstigende Nähe von Anfang und Ende, Aufstieg und Untergang. Mit dem letzten Ruck fällt Grossvater Hans H. die Treppe hinunter und bleibt reglos liegen. Der Ruck kommt aus dem Nichts und endet im Nichts. Der Ruck charakterisiert auch den Gang des Hans H. Dieser Gang macht sichtbar, was unsichtbar bleiben sollte: in der Legion hatte er sich in den Fuss geschossen, weil er den Mut zum Selbstmord nicht fand. Indem der Erzähler, sein Enkel, diesen Ruck aufnimmt in die Erzählbewegung, erweist er ihm die Ehre, bleibt er ihm treu. Indem er ihn sichtbar macht, verrät er ihn.

Rück-Blende: In der «Verschluckten Musik», dem letzten Roman Christian Hallers, war das Symbol das Schwanken, von dem das Buch nicht nur redet, sondern in dessen Takt es sich fortbewegt, bis es selber aus dem Gleichgewicht gerät. Am Anfang ist es das Schwanken des Schiffs, auf dem die Familie S. Bukarest verliess Richtung Schweiz in den 20er Jahren. Die aus «Cöln» stammende, jüdische Familie S., die Familie des Erzählers aus dem «Schwarzen Eisen» mütterlicherseits, führte in Bukarest die grösste Weberei. Und ein kultiviertes, rückwärtsgewandtes Leben der Belle Epoque. Zum Aussterben verurteilt. Am Schluss ist nicht nur ein Schiff ins Wanken geraten, sondern das ganze Leben der Mutter des Erzählers. Und seine Welt damit. Ihm, dem studierten Paläontologen auf den Spuren der eigenen Geschichte, sagt die Mutter, dement in einem Schweizer Pflegeheim liegend: «Ich erinnere mich nur noch an Dinge, die weit zurückliegen... So weit zurückliegen, dass ich mich nicht meh Ôr an sie erinnern kann.» Eine bemerkenswerte, äusserst klarsichtige Formulierung einer Demenzkranken. Und sie fallt kurz nachdem der Sohn in Bukarest endlich das Haus seiner Grosseltern gefunden hat, das Haus, von dem seine Mutter so viel erzählt hatte. Die Formulierung fallt da, wo sich der Sohn am Ziel wähnt, angekommen im Innersten, unter der Schädeldecke seiner Mutter. Sie trifft mitten ins Herz dessen, der sich schon als ihr Ersatzgedächtnis zu verstehen begonnen hat.

Diese Desillusionierung, diese Gegenbewegung zur Erinnerung, die eine Bewegung des Erinnerns selber ist, also seine logische Fortsetzung im Erlöschen und Vergessen, kündete sich dem Erzähler schon an mit einem andern Satz, mit einer andern Stimme, die plötzlich in seinem ê Schädel spricht: «Tu ne te désillusioneras jamais». Wer sagt diesen Satz? Und warum auf Französisch, in einer andern Sprache. Vielleicht ist er mir ja nur deshalb aufgefallen. Und was bedeutet der Satz wirklich? Bedeutet er das, was er sagt oder ist das, was er sagt, das was er negiert? Ist er die Desillusionierung oder bloss eine weitere Illusion, die Illusion der Desillusionierung?

Jedenfalls: der Satz bringt das Wahrnehmungssystem und das Schreibkonzept des ganzen Romans ins Wanken. «Es ist, wie wenn ich ein Bild betreten würde», sagt der Erzähler, wenn er vor dem grosselterlichen Haus in Bukarest steht. Er sieht nicht das Haus, sondern das zurechtgerückte Foto, das der Grossvater gemacht hatte. Wahrheit gibt es nur in Bildern. Aber Bilder sind nicht die Wahrheit. Jeder Vorhang, den der Erzähler aufzieht, ist ein Vorhang, den er schliesst.

Kommen wir mit dieser Erkenntnis zurück zum «Schwarzen Eisen»! Der Erzähler hat sich mit diesem Roman entschieden, das Stahl- und Elektrizitäts-Werk seiner Familie nicht weiterzuführen. Er setzt ihm ein anderes, weicheres entgegen: das literarische Werk. Aber auch das literarische Werk setzt also das Werk des Grossvaters fort: es bringt Licht ins Dunkel, und schafft da, wo es hinfallt, ein neues Dunkel. Nochmals eine entscheidende Szene aus der«Verschluckten Musik»: bei seinen Nachforschungen in Bukarest stösst der Erzähler auf den alten Schlachthof, den «Abator», in der Näh ¶e der grossväterlichen Weberei. Und er erfährt, dass hier im rumänisch-deutschen Faschismus die grausamsten Folterungen und Morde passierten. Er erfährt es. Aber er kann es nicht sehen, nicht schildern und auch nicht erinnern. Der Abator bleibt ein «wortloser Bezirk» in der Geschichte. Denn der Erzähler weiss: Erinnerungsbilder sind nie nach der Wirklichkeit gebildet, sie lügen. Wir erkennen, das ist so etwas wie der philosophische Generalbass in Hallers Roman, bloss durch Ahnlichkeiten. Aber Ähnlichkeiten sind Ähnlichkeiten wovon? Die Frage stellt sich dem Dichter vielleicht besonders, der ausser Sprachähnlichkeiten kein Mittel hat sich auszudrücken, aber längst nicht nur ihm.

Der Seitenblick auf die «Verschluckte Musik» öffnet uns aber auch einen andern Blick, einen Seitenblick sozusagen auf das «Schwarze Eisen». Einen Blick, der das Zentrum und die Gewichte verschiebt, ins Wanken bringt: den Blick weg vom Grossvater auf den Vater des Erzählers, der das Auto lenkt auf der ersten Seite. Das Komplement zum Mutterbuch ist das Vaterbuch. «Das schwarze Eisen» ist mindestens ebenso ein Buch über den Vater wie über den Grossvater. Der Vater ist die Zwischen-Welt, die Verbindung und der Bruch zwischen Grossvater und Enkel. Er ist ein Versager in den Augen des Grossvaters. Er bringt eine Jüdin in die Familie. Er ist einer, dem man befehlen muss, was er zu tun hat. Und er gehorcht auch. Dann erblindet er. Die äussere Blindheit gibt ihm die inneren Bilder, ein Kompensationsgeschäft, das diskutabel ist. Und noch nicht genug der Kompensationen: ausgerechnet dank den Errungenschaften der grossväterlichen Elektrizität in der Ophtalmologie erhält der Vater das Augenlicht zurück. Aber danach hat er doch einen andern Blick gewonnen als den strengen, harten, vom Grossvater geerbten: den unbeschwerten jungenhaft lachenden, mit dem er den ins Schleudern geratenen Ford wieder auf die Strasse zurücklenkt.So betrachtet setzt Christian Haller setzt ihn, den leichtgewichtigen Vater ins Zentrum seines Buches. Den schwergewichtigen Grossvater an den Rand. Gerade diese Konstellation bringt sein Buch ins Gleichgewicht. Aber, wie wir wissen: nichts ist so instabil wie das Gleichgewicht.

Samuel Moser