DAS UNAUFHALTSAME FLIESSEN

VORSCHAUTEXT


Schon seit Kindertagen hat es sich der Erzähler von Christian Hallers neuem Roman zur Angewohnheit gemacht, allen Anforderungen und Erwartungen auszuweichen. Jetzt ist er Anfang zwanzig, auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben, und er merkt, dass er sich aus seinen Rückzugsräumen hinaus in die gesellschaftliche Gegenwart begeben muss. Da er mit seinen eigenen poetischen Arbeiten nicht vorankommt, stürzt er sich in das Unterfangen, den unüberschaubaren Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichern sowie in einem kleinen Schweizer Dorf eine Stelle als Lehrer anzutreten. Während sich unerfüllte Hoffnungen und Träume immer mehr in ihm aufstauen, bricht unerwartet der Damm: Eher zufällig kommt er an das Gottlieb Duttweiler-Institut bei Zürich, macht Karriere, der Fluss seines Lebens trägt ihn in höchste gesellschaftliche Kreise. Doch mit dem Einblick in die Machenschaften von Politik und Wirtschaft muss er erkennen: Auch dies kann – trotz Aufstieg und Erfolg – nicht sein Weg sein. 


Mit dem in sich abgeschlossenen Band „Das unaufhaltsame Fließen“ setzt Christian Haller sein großes autobiographisches Erzählprojekt fort. 


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NZZ, Samstag, 9. 12. 2017

Ein Romanheld taumelt durch das Reich der Zeichen

In seinem Entwicklungsroman erzählt Christian Haller von den Irrungen und Wirrungen eines jungen Mannes, der die Welt zu lesen versucht
Paul Jandl

Ein Hemd von einem Mann ist dieser Christian Haller, ein durchs Leben stolpernder Romantiker, der sich nichts mehr wünscht, als «die losen Enden der Seele» irgendwo festzubinden. An einem Vorbild, einer Aufgabe, einem freundlichen Zeitgenossen. Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, für die Hauptfigur seines neuen autobiografischen Romans einen Namen zu erfinden. So nah am eigenen Leben ist «Das unaufhaltsame Fliessen», die Geschichte eines jungen Mannes, geschrieben, dass umso schillernder wirkt, was daran möglicherweise Erfindung ist. Das Zaudern und Zögern des Mittzwanzigers jedenfalls scheint echt zu sein, und es steht in schönstem poetischem Kontrast zu einer Sprache, die ganz genau weiss, was sie tut. In schonungsloser Offenheit geht sie mit einem «tumben Toren» um, wie es einmal heisst, und umgibt ihn doch mit empathischer Präzision.

Auf drei Bände hat Christian Haller seine grosse autobiografische Erzählung angelegt. Wie schon im ersten Roman «Die verborgenen Ufer» geht es auch im zweiten darum, dass sich da einer freiatmen möchte. Er will hinausfinden in eine Welt, in der Wirklichkeit und Sprache das Gleiche meinen. Für den Zustand davor gibt es eine Metapher. An der Aare ist der 1943 geborene Christian Haller aufgewachsen. Das Tosen des Wassers bedeutet Gefahr und Versprechen zugleich.

«Das unaufhaltsame Fliessen» setzt mit dem vom Rhein unterspülten Haus des Ich-Erzählers ein. Die Terrasse droht in die Fluten zu sinken, und dieser kariöse Zustand ist zugleich ein Bild für das Leben selbst. Nichts hat ein festes Fundament. Ein kleiner Stoss, und alles ist den Bach runter. Aber der Roman greift in der Geschichte zurück. Der Erzähler sitzt in seiner kleinen Dachkammer, den Lehrberuf hat er aufgegeben, um Schriftsteller zu werden.

Beim fortgesetzten Scheitern ist seine Freundin Pippa ein flamboyanter Gegenpol. Als Schauspielern weiss sie um die doppelten Böden des Lebens, was ihre Schritte aber umso sicherer macht. Wir sind bei den Zürcher Globus-Krawallen mit dabei und beim «Literaturstreit» rund um Emil Staiger. Der Aufruhr um Gestriges und die Zukunft erfasst Hallers leicht entzündlichen Helden, bei dem es im Sexuellen nicht ganz so lodernd zugeht. Bestürzend und für den Ich-Erzähler beschämend ist das Zusammentreffen mit einer Frau, die ein traumatisierendes Erlebnis mit einem gemeinsamen Freund hinter sich hat. Die Freunde, deren Klarnamen Christian Haller nennt, sind Vorbilder oder Förderer beim Vorhaben, Schriftsteller zu werden. Oder sie sollen es sein. Die Effekte enttäuschten Vertrauens sind bisweilen niederschmetternd, aber Christian Hallers auf sehr stille Weise raffinierter Entwicklungsroman hat auch eine zweite Erzählspur.

Hallers Erzähler ist ein Hermeneutiker, der versucht, aus der Welt seine Schlüsse zu ziehen. Er liest die Welt als Text, und es sind Zeichensysteme, die im Roman eine grosse Rolle spielen. Das «I Ging» zieht der junge Mann in der räucherstäbchenschweren Luft der sechziger Jahre zu Rate. Er liest in den anarchisch-ungeordneten Schriften des Schriftstellers Adrien Turel, dessen Nachlass er vor den Eingriffen einer resoluten Witwe schützen will.

Er studiert Biologie, schliesst mit einem «Summa cum laude» ab, und weiss dennoch, dass auch dieses klassifikatorische System noch wenig über das Leben sagt. Fahrt nimmt der Roman auf, als die berufliche Laufbahn auf ganz neuem Terrain weitergeht. Als Assistent in dem zum Migros-Konzern gehörenden Gottlieb-Duttweiler-Institut findet sich Hallers Hauptfigur in einem Reich der Zeichen wieder, das universeller ist als alles, was er bisher kannte.

Politik und Utopien spielen hier eine Rolle, aber der Diskurs wird nicht mit offenem Visier geführt, sondern verpackt in die Freundlichkeit versierter Macht. Die Namen bekannter Beteiligter werden genannt, Vorstandschefs und Institutsmitarbeiter kommen vor, aber sie sind Stellvertreter eines Systems, an deren unterem Ende der Ich-Erzähler gelandet ist. Er wird zum «Joker» des Spiels, und so heisst auch eines der Romankapitel. Da er nicht im Verdacht steht, eigene Interessen zu verfolgen, fällt er die Karriereleiter eher hinauf, als dass er sie erklimmt. Innerlich ist Hallers Alter Ego in Opposition zu allem, was am Institut «geschieht. Wenn im Haus weltumspannende Symposien zu Fragen zwischen Ökonomie, Moral und Politik organisiert werden, dann sieht der junge Rebell die Scheinwirklichkeit dieses Tuns. Er sieht die Macht der Gewohnheit und die Gewöhnlichkeit der Macht. Gepaart mit der eigenen störrischen Empfindlichkeit werden diese Umstände zu einem fast physikalischen Vorgang.

Wie die zitternde Nadel im Kompass ihre Stelle findet, so wird aus dem vor Unerfahrenheit schlotternden Erzähler am Ende ein junger Mann mit Richtung. Die Vibrationen des Ichs sind in Christian Hallers Roman auf schmerzliche Weise spürbar. Wenn man aus der neuen autobiografischen Weltliteratur weiss, wie ein luftdicht in Selbstbewusstsein abgepacktes Ich aussehen kann, dann wird man den Unterschied zu diesem ergreifend subtilen Projekt der Schweizer Literatur erkennen.

Christian Haller: Das unaufhaltsame Fliessen. Roman. Luchterhand-Verlag, München 2017. 256 S., Fr. 31.90. 


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NZZ am SONNTAG, 22. 10. 2017

«Ich muss Sie leider ermutigen!»

Der zweite Teil von Christian Hallers neuer Trilogie erzählt von spektakulären äusseren Erfolgen und hartnäckigem innerem Ringen

Von Charles Linsmayer

Er hat sich mit der von 2001 bis 2007 erschienenen,Familien-, Industrie- undLebensgeschichte zu einem eindrücklichen Ganzen verknüpfenden «Trilogiedes Erinnerns» einen Namen gemacht,der 1943 in Brugg geborene Christian Haller, der auch als Lyriker und Verfasser vonsurrealen Märchenbüchern wie «Kopfüberland» Beachtung verdient. Seit drei Jahren aber ist er nun daran, dem Epochenroman in einer zweiten Trilogie ein intimes Kammerstück gegenüber-zustellen und die durchlebte Epochemit sich selbst als Hauptperson neu zu erzählen. Ein Unterfangen, das die dargestellte Zeit nicht weniger anschaulich spiegelt, aber zugleich nachvollziehbar macht, unter was für schwierigen Bedingungen der Weg den Erzähler aus deprimierenden Anfängen heraus zur Meisterschaft führte.

Ausgangspunkt und zentrale Metapher ist der Vorfall, als das Hochwasser des Rheins einen Teil von Christian Hallers Haus in Laufenburg wegspülte und Fundamente blosslegte, von denen lange nicht klar war, ob sie wieder zu stabilisieren wären. Das Erlebnis verwies den Erzähler zurück auf den «Nullpunkt der Existenz» und machte auch das «unaufhaltsame Fliessen» spürbar, das alles wegschwemmt, ihn aber auch förmlich in eine Erzählflut hinein mitriss. Schilderte Band eins, «Die verborgenen Ufer», 2015 Christian Hallers Kindheit in Basel und in Suhr, seine Lehrerausbildung, die frühsten literarischen Versuche, die Zeit als Hausbursche einer Zürcher Buchhandlung, die erste Liebe und die Begegnung mit der Lebenspartnerin Pippa, so erzählt der nun vorliegende Band zwei, «Das unaufhaltsame Fliessen», von der Zeit, als Haller im Auftrag der Stadt Zürich den Nachlass von Adrien Turel sichtete, Zoologie studierte und am Gottlieb- Duttweiler-Institut in Rüschlikon Karriere machte. Diesen quasi festen, verlässlichen Bereichen eines Zugriffs auf die Welt und auf die Gegenwart steht indes nach wie vor jener andere Bereich gegenüber, von dem es im Roman heisst: «Ein anderer Teil meiner Grundfeste aber war, wie die alte, rheinabwärts gelegene Mauer, zerrissen und brüchig. Und doch konnte sich mein Schreiben, das mir zur Hauptsache geworden war, nur auf sie abstützen.» Vom Zürcher Literaturstreit im Jahr 1966 über den Globuskrawall von 1968 bis zum gescheiterten Migros-Frühling in den 1980er Jahren schreibt der Roman aus persönlicher Anschauung Kultur- und Gesellschaftsgeschichte und durchleuchtet vor allem auch auf kritische Weise den Zusammenhang zwischen Macht und Geld und die Machenschaften von versteckten Seilschaften. Eindringliche Porträts von Gestalten wie Pierre Arnold, Erwin Jaeckle, Hans A.Pestalozzi, Sigmund Widmer, Golo Mann, Adolf Portmann und Ivan Illich erhöhen den zeitgeschichtlichen Wert des Buches.

Und doch erscheint einem durch all das Vordergründige hindurch jener Strang der eigentlich bedeutsame, der vom Ringen des Erzählers um seine literarische Entwicklung berichtet und der dies mit scheinbar nebensächlichen Phänomenen wie der allmählichen Veränderung des Schriftbilds oder den geheimnisvollen, mit den Stäbchen und Schafgarben des IGing erzeugten Orakeln andeutet. Weder der Individualanarchismus à la Alexander Xaver Gwerder noch die seltsame, gelegentlich auch ins erotische Abseits führende Patenschaft des Kinderbuchautors Max Voegeli, ja nicht einmal der Rat des bewunderten Georg Kreisler, der verlauten lässt: «Ich muss sie leider ermutigen!», führen in diesem für den späteren Schriftsteller wesentlichen Bereich zum Ziel, und am Ende der turbulenten Lebensphase stehen unpublizierbare Märchen und drei Romanentwürfe.

Den inneren Reichtum aber, den das unaufhaltsame Fliessen der Zeit in ihm niedergelegt hat, wird er erst später zu dem verarbeiten können, was seinen gedruckten Werken ab 1980 ihre Unverwechselbarkeit verleiht. 


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Literaturbeilage Wochenzeitung P. S.

Das lose Ende der Seele findet seinen Platz

Theo Byland

Vor zwei Jahren hat Christian Haller den ersten Teil seines autobiografischen Projekts vorgelegt, den Roman „Die verborgenen Ufer“. Auslösendes Moment dafür war der 19. Juni 2013, als das Hochwasser des Rheins die Terrasse seines Hauses weggerissen hat. Jetzt, zu Beginn des Folgeromans „Das unaufhaltsame Fliessen“, wird der Balkon trotz eines teilweise brüchigen Untergrunds, wieder aufgebaut. Diese Brüchigkeit erinnert ihn an die fragile Grundfeste seines Schreibens als junger Mann, von dessen weiterer Entwicklung Haller im neuen Roman erzählt.

Mit etwa 24 Jahren befragt der Autor „I Ging, das Buch der Wandlungen, wie weit er wohl mit seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden, gekommen sei.“ Das resultierende Zeichen ist KAN / DAS ABGRÜNDIGE, DAS WASSER, und sein Nachdenken darüber führt ihn zur Erkenntnis, dass „der Pfad, den ich gehen wollte, gefährlich war, ... Doch in der Tiefe strömte das Wasser, war ein unaufhaltsames Fliessen, das mir zeigte, wie Schwierigkeiten überwunden würden: ... der Kommentar zum Zeichen hiess: ‚So kommt das Wasser ans Ziel.‘“ Er weiss zwar, dass er schreiben will, arbeitet weiterhin hartnäckig an ersten Texten, kommt aber nicht weiter und gerät in einem Moment grösster persönlicher Not zufällig an einen dünnen Gedichtband von Adrien Turel. Man denkt hier unwillkürlich an einen Satz von Max Frisch: „Am Ende ist es immer das Fällige, das einem zufällt“, denn Haller erinnert sich an die Empfehlung einer Bekannten, er müsse unbedingt Turels Witwe besuchen und den Nachlass dieses Schriftstellers und Philosophen ansehen. Gedacht, getan, Haller geht hin und beschliesst, auf die Bitte der Witwe hin, sich an der Sichtung des immensen Nachlasses zu beteiligen – eines Nachlasses, der infolge einiger anarchischer Gedanken Turels vom Kanton Zürich ein für alle Mal in einem Tresor gebunkert und so der Öffentlichkeit entzogen zu werden droht. Christian Haller ist es zu verdanken, dass der gesamte Wust an Papier seit Oktober 1968 auf Mikrofilm gespeichert vorliegt. Zwar nimmt er von Turel „diese anarchische Freiheit des Denkens, die Unbeirrbarkeit, den eigenen Weg zu gehen“ als eine Art Richtschnur für sein eigenes Schreiben mit. Aber nach Beendigung der knapp zweijährigen Arbeit des Sichtens, Ordnens und Sicherns auf Mikrofilm muss er in sein Tagebuch notieren: „Meine Arbeit an den Erzählungen ist in den letzten Wochen liegen geblieben.“

Wie weiter? Nach einer Stellvertretung an einer Landschule und einer Zeit als Assistent in einer Bibliothek beschliesst Haller auf den Rat eines ehemaligen Mitschülers hin, den er zufällig in einem Restaurant trifft, für sich selber überraschend Zoologie zu studieren. Wieder führt der Zufall Regie bei der Richtungswahl seines Lebens! Der Autor jedoch zweifelt deren Richtigkeit bald wieder an, befürchtet er doch, die wissenschaftliche Sprache könnte sein Suchen nach dichterischer Sprache behindern. Seine Freundin Pippa, die konsequent ihren Weg als Schauspielerin geht und ihm immer wieder sein Zögern und Ausweichen spiegelt, weist ihn auch in diesem Krisenmoment auf das hin, was zu tun wäre: „Vielleicht solltest du versuchen, statt ein verblasenes Abbild von Voegeli [seinem literarischen Mentor, T. B.], Turel und neuerdings Adolf Portmann zu mimen, einfach versuchen, Christian Haller zu sein.“ Es ginge darum, voll und ganz ins Leben zu treten, der zu werden, der man ist, statt Vorbildern nachzuleben und sich als Beobachter am Rand des Geschehens aufzuhalten. Haller weiss das im Grunde längst, denn ihn plagt eine tiefe Sehnsucht,die er als „loses Ende der Seele“ bezeichnet, „die keine Entsprechung im Alltag hat, ... die nach etwas strebt, das ‚man selbst‘ war und nie sein würde.“ Er wagt das Studium, schliesst mit „summa cum laude“ ab und lernt beim Sezieren für sein Schreiben, dass er, ähnlich wie beim Präparieren, „die Wörter mit Vorsicht und Umsicht dem zu Beschreibenden nähern muss.“

Als promovierter Zoologe meldet er sich auf die Empfehlung von Professor Hermann Levin Goldschmidt, bei dem er philosophische Vorlesungen belegt hat, beim Gottlieb Duttweiler- Institut, wo er eine Stelle als Aushilfe sucht, jedoch vom damaligen Leiter Hans A. Pestalozzi sogleich angestellt wird und im Laufe der nächsten Jahre aufsteigt zum Leiter der Abteilung Soziale Studien. Trotz Pippas Skepsis dem Institut und seiner Arbeit gegenüber, spielt er das Spiel des Wirtschaftsgiganten vorerst mit, bekommt er doch Gelegenheit, mit einflussreichen Grössen und Akteuren der Wirtschafts-, Kultur- und Sozialwelt in Kontakt zu kommen wie Max Frisch, Herbert Marcuse, Erich Fromm oder Ivan Illich. Zudem findet das „Lose Ende der Seele“ endlich seinen Platz, als er die Leiterin der Institutsbuchhandlung kennen und lieben lernt, Gisela Sandor. Mit ihr und Pippa arrangiert er sich eine Zeitlang in einer ménage à trois, denn er kann sich nicht für die eine oder die andere entscheiden. Dennoch fühlt er sich mehr und mehr unwohl im Milieu der Unaufrichtigkeit, die am Institut und im Vorstand der Migros herrscht; am 40. Geburtstag kündigt er und weiss: „Ich würde über die Welt der Macht, der Politik und des Handelns nach Opportunitäten schreiben, doch in ihr und mit ihr leben wollte ich nicht mehr.“ Wie sehr sich Christian Haller innerlich verändert hat, kann er auch an der Veränderung seiner Handschrift ablesen, die sich jetzt nach vorne neigt, die Spitzen verloren hat und insgesamt runder und regelmässiger geworden ist.

Wer heute „autobiografisches Romanprojekt“ sagt, denkt sogleich an die sechs Bände „Min Kamp“ des Norwegers Karl Ove Knausgård. Christian Hallers (geplante) Trilogie lässt sich jedoch in keinster Weise vergleichen mit Knausgårds Werk, sind doch sowohl die Motive zum Schreiben wie auch Organisation und Sprache der Texte völlig verschieden. Hallers zwei Romane sprechen einen anders an als diejenigen Knausgårds; sie sind in einem guten Sinn provinzieller, wärmer im Ton und greifen weniger weit aus ins Allgemeine. Und was an ihnen besonders überzeugt, ist die Nähe des Autors zu den auftretenden Personen. Diese werden allesamt differenziert und mit hohem Respekt für ihr Sosein gezeichnet – so, wie er es beim Präparieren gelernt hat: „Die Wörter muss ich mit Vorsicht und Umsicht dem zu Beschreibenden nähern.“ Man darf sich also freuen auf den dritten Band, denn das Schreiben ist mittlerweile – wie vom Kommentar im I Ging vorausgesagt – „ans Ziel gekommen!“ Christian Haller, Das unaufhaltsame Fliessen. Luchterhand 2017 


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AARGAUER ZEITUNG, Donnerstag, 14. 9. 2017


Der Autor, der sich nicht schont

Von Marie-Louise Zimmermann 


Literatur In seinem neuen Roman «Das unaufhaltsame Fliessen» schöpft der Schriftsteller Christian Haller (74)aus seinen Lebenserinnerungen. Die individuelle Geschichte wird zum exemplarischen Zeitbild 


Buch um Buch nutzt Christian Haller in seinen Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken die Erfahrungen seines Lebens als Material zur literarischen Gestaltung. Nicht zufällig heisst sein bekanntestes, mit dem Schillerpreis ausgezeichnetes Prosawerk «Trilogie des Erinnerns». In immer wieder neuer Form begegnet er schreibend den Stationen seines Lebens. 


Der neue Roman seines grossen autobiografischen Projekts beginnt dort, wo der 2015 erschienene Band «Die verborgenen Ufer» endete: mit einer Katastrophe. Ein Hochwasser hatte einen Teil seines nahe am Rhein gebauten Hauses weggerissen. In der Fortsetzung «Das unaufhaltsame Fliessen» besichtigt der Autor nun die Renovationsarbeiten. Der Bauleiter erklärt ihm, der Untergrund der abgestürzten Terrasse sei brüchig, aber der Fels daneben zum Glück gesund. 


«Das erschien mir wie ein Abbild meiner Lebenssituation. Ich fühlte mich an den inneren Gegensatz erinnert, den ich als junger Mann empfunden hatte. Einerseits fand sich ebenfalls ein gesunder Fels in mir, von dem ich mich abstossen konnte. Andererseits war ein anderer Teil meiner Grund- feste zerrissen und brüchig. Und doch konnte sich mein Schreiben, das mir zur Hauptsache geworden war, nur auf sie abstützen.» 


Unsicher in seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden, konsultiert der gut Zwanzigjährige das alte chinesische Wahrsagebuch «I Ging», das ihm die Beharrlichkeit des Wassers empfiehlt. «Der Pfad, den ich gehen wollte, war gefährlich. Doch in der Tiefe strömte das Wasser, war ein unaufhaltsames Fliessen, das mir zeigte, wie die Schwierigkeiten überwunden würden.» 


Prekäre Existenz 


Sein Leben ist in der Tat nicht leicht: Er findet keinen Verleger für seine Märchen und Gedichte. Seine Arbeit als Lehrerstellvertreter und Archivar in Basel befriedigt ihn nicht, ebenso wenig wie sein auf Rat eines Freundes unternommenes Zoologiestudium. Sein grosses Anliegen, den Nachlass des chaotisch genialen Schriftstellers Adrien Turel zu sichern, kann er gegen den Widerstand der Witwe nur mühsam durchsetzen. 


Auch mit den Frauen tut er sich schwer, doch seine langjährige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Pippa hält. Da sie in Zürich wohnt, bekommt der junge Mann auch die Globuskrawalle mit, die sein politisches Interesse befeuern. Zumindest materielle Sicherheit findet er schliesslich als «Bereichsleiter Soziale Studien» bei der Gottfried Duttweiler-Stiftung in Rüschlikon. Dort begegnet er interessanten Persönlichkeiten, wird aber zermürbt durch die internen Machtkämpfe. Nach acht Jahren kündigt er und wagt als Vierzigjähriger einen Neuanfang. 


Schonungslose Uneitelkeit 


Ausführlich werden diese Ereignisse geschildert, die bedeutungsvollen wie die belanglosen. Manches davon will man eigentlich gar nicht so genau wissen. Doch die präzisen Details machen das individuelle Schicksal zum exemplarischen Zeitbild, und die aus dem Dunkel des Vergessens auftauchenden Bilder gewinnen an Leben. 


Vor allem aber beeindruckt die schonungslose Offenheit, mit welcher der Autor sich selber als Material benutzt mit all seinen Unsicherheiten und Ängsten, seiner sexuellen Verklemmtheit, seiner frustrierten Hoffnung auf Anerkennung. Dieser bei Schriftstellern seltene totale Mangel an Eitelkeit hat etwas so Einnehmendes, dass man dem Ich-Erzähler mit Anteilnahme folgt auf all seinen Umwegen. 


Zum Schluss ist die Renovation seines Hauses gelungen, «der Balkon steht hoch und gesichert über dem Strom». Doch der Lebensbericht des unermüdlichen Autors ist erst in der Mitte angelangt. Sein treues Publikum freut sich darauf, künftig auch etwas von sei- nen Erfolgen zu lesen, und hofft, dass dieser Quell der Erinnerungen nochlange nicht versiegt. 


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CICERO, No. 10, Oktober 2017


Autobiografie


Der Seele Suche und Georg Kreislers Beitrag

von Alexander Kissler


Christian Haller setzt seine Lebensbeschreibung fort. Eine beglückende Lektüre ist es abermals 


Der beste Einstieg in die Weltliteratur des Christian Haller ist der Roman "Im Park" von 2008. Darin erfährt der Paläontologe Emile den Zusammenbruch aller Liebes- und Lebensplanung, als seine Partnerin Lia zum Pflegefall wird. Sein Versuch, "aus all den schiefergrauen Mustern, petrifizierten Festlegungen, erstarrten Lebensgerüsten auszubrechen, leicht zu sein, schwebend zu sein, in einem Raum ohne Gewohnheit", bricht sich an Lias Aphasie. Christian Hallers Romane verbinden atmosphärische Präzision und gedankliche Klarheit auf beglückende Weise. 


Der zweite Teil der Autobiografie, "Die verborgenen Ufer" von 2015 fortsetzend, liegt nun vor. Auch "Das unaufhaltsame Fließen" nennt sich Roman und ist dennoch die Lebensbeschreibung dessen, der ihn schrieb. Dennoch? Es gehört zu den poetischen Wasserzeichen im Werk des 1943 im schweizerischen Brugg geborenen Schriftstellers, dass Wirklichkeit nur erzählt werden kann. Sie entzieht sich dem, der sie bannen will. Auch Naturwissenschaften sind ein erzählendes Gewerbe. Das wusste der Paläontologe Emile, das weiß der Ich-Erzähler hier, der auf den Zuruf eines Freundes hin Zoologie studiert, "zum Hauptfach Zoologie und den Nebenfächern Botanik und Chemie belegte ich die Wahlfächer Paläontologie und Geologie. ( ... ) Mit dem Studium stand mir ein neuerlicher Tauchgang in die Geschichte bevor." 


Der übersehene Raum - Schreiben ist für Haller auch Sehen - reicht vom Ende der Schulzeit bis zur freiwilligen Kündigung als Leiter der Abteilung "Soziale Studien" am Züricher Gottlieb-Duttweiler-Institut, von Mitte der 1960er- bis Anfang der 1980er-Jahre. Den Rahmen gibt wie in den "Verborgenen Ufern" der nächtliche Teilabriss seines Hauses durch die alle Stauung sprengenden Massen des Rheins ab, viele Jahre später. Von diesem "Tag der Katastrophe" aus wendet sich das Ich retour zum jungen Mann, der es gewesen ist, um zu erfahren: Was trägt mein Leben, wer trog? 


Immer waren da Menschen, die im entscheidenden Moment einen Weg bahnten. Der Antiquariatsgehilfe Haller stieß zufällig auf die Gedichte des anarchischen Denkers Adrien Turel - und wird dessen Nachlassverwalter, im zähen Kampf mit der Witwe, die der Nachwelt einen weltanschaulich kastrierten Turel übergeben wollte. So gelang ihm bis Oktober 1968 die Mikroverfilmung von Turels Gesamtwerk, 33 600 Aufnahmen, die lesenswerte Theorie von der Moderne als "Ultratechnoikum" inbegriffen. Der ehemalige Kollege vom Lehrerseminar, der Haller zur Zoologie brachte, mag sich der Tragweite seines Ratschlags nicht bewusst gewesen sein, wie auch der Hinweisgeber auf das Duttweiler-Institut, wo Frechheit siegte. Haller nämlich versemmelte das Vorstellungsgespräch, widersprach dem Institutsleiter heftig, doch solche Unverbogenheit schätzte man am Denklabor unter der Ägide des Konsumkritikers, Gesellschaftskritikers, Kapitalismuskritikers, späteren Selbstmörders Hans A. Pestalozzi. Fortan organisierte Haller internationale Tagungen. Pestalozzi, für den "Brüche und Umwege eher Auszeichnungen" bedeuteten, wurde 1979 entlassen. Im selben Jahr erschien sein Bestseller "Nach uns die Zukunft". 


Menschen schreiben Geschichten. Haller trifft auf Erich Fromm, Max Frisch und Georg Kreisler und wäre ohne diesen kein Dichter geworden. Kreisler sagt zum Jungspund: "Ich kann Ihnen nur raten, sehr viel Zeit auf das Nichtstun zu verwenden. Es gehört zum Notwendigsten, um zu sich selbst und zur eigenen Sprache zu kommen." Kreisler liest Hallers Gedichte, schreibt zurück: "Ich muss Sie leider ermutigen." Doch Zweifel bleiben und Aufschwünge, die zu Abschwüngen auslaufen, Einsamkeiten und Liebesverwirrungen. Das "lose Ende der Seele" flattert im Gegenwind. Nur im Strudel, der treibt, ist Heimat, im Fließen die Stätte, die Schreiben heißt. Das trog nicht. Das trägt. 


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