DAS UNAUFHALTSAME FLIESSEN

VORSCHAUTEXT


Schon seit Kindertagen hat es sich der Erzähler von Christian Hallers neuem Roman zur Angewohnheit gemacht, allen Anforderungen und Erwartungen auszuweichen. Jetzt ist er Anfang zwanzig, auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben, und er merkt, dass er sich aus seinen Rückzugsräumen hinaus in die gesellschaftliche Gegenwart begeben muss. Da er mit seinen eigenen poetischen Arbeiten nicht vorankommt, stürzt er sich in das Unterfangen, den unüberschaubaren Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichern sowie in einem kleinen Schweizer Dorf eine Stelle als Lehrer anzutreten. Während sich unerfüllte Hoffnungen und Träume immer mehr in ihm aufstauen, bricht unerwartet der Damm: Eher zufällig kommt er an das Gottlieb Duttweiler-Institut bei Zürich, macht Karriere, der Fluss seines Lebens trägt ihn in höchste gesellschaftliche Kreise. Doch mit dem Einblick in die Machenschaften von Politik und Wirtschaft muss er erkennen: Auch dies kann – trotz Aufstieg und Erfolg – nicht sein Weg sein. 


Mit dem in sich abgeschlossenen Band „Das unaufhaltsame Fließen“ setzt Christian Haller sein großes autobiographisches Erzählprojekt fort. 


...................................................................


NZZ am SONNTAG, 22. 10. 2017

«Ich muss Sie leider ermutigen!»

Der zweite Teil von Christian Hallers neuer Trilogie erzählt von spektakulären äusseren Erfolgen und hartnäckigem innerem Ringen

Von Charles Linsmayer

Er hat sich mit der von 2001 bis 2007 erschienenen,Familien-, Industrie- undLebensgeschichte zu einem eindrücklichen Ganzen verknüpfenden «Trilogiedes Erinnerns» einen Namen gemacht,der 1943 in Brugg geborene Christian Haller, der auch als Lyriker und Verfasser vonsurrealen Märchenbüchern wie «Kopfüberland» Beachtung verdient. Seit drei Jahren aber ist er nun daran, dem Epochenroman in einer zweiten Trilogie ein intimes Kammerstück gegenüber-zustellen und die durchlebte Epochemit sich selbst als Hauptperson neu zu erzählen. Ein Unterfangen, das die dargestellte Zeit nicht weniger anschaulich spiegelt, aber zugleich nachvollziehbar macht, unter was für schwierigen Bedingungen der Weg den Erzähler aus deprimierenden Anfängen heraus zur Meisterschaft führte.

Ausgangspunkt und zentrale Metapher ist der Vorfall, als das Hochwasser des Rheins einen Teil von Christian Hallers Haus in Laufenburg wegspülte und Fundamente blosslegte, von denen lange nicht klar war, ob sie wieder zu stabilisieren wären. Das Erlebnis verwies den Erzähler zurück auf den «Nullpunkt der Existenz» und machte auch das «unaufhaltsame Fliessen» spürbar, das alles wegschwemmt, ihn aber auch förmlich in eine Erzählflut hinein mitriss. Schilderte Band eins, «Die verborgenen Ufer», 2015 Christian Hallers Kindheit in Basel und in Suhr, seine Lehrerausbildung, die frühsten literarischen Versuche, die Zeit als Hausbursche einer Zürcher Buchhandlung, die erste Liebe und die Begegnung mit der Lebenspartnerin Pippa, so erzählt der nun vorliegende Band zwei, «Das unaufhaltsame Fliessen», von der Zeit, als Haller im Auftrag der Stadt Zürich den Nachlass von Adrien Turel sichtete, Zoologie studierte und am Gottlieb- Duttweiler-Institut in Rüschlikon Karriere machte. Diesen quasi festen, verlässlichen Bereichen eines Zugriffs auf die Welt und auf die Gegenwart steht indes nach wie vor jener andere Bereich gegenüber, von dem es im Roman heisst: «Ein anderer Teil meiner Grundfeste aber war, wie die alte, rheinabwärts gelegene Mauer, zerrissen und brüchig. Und doch konnte sich mein Schreiben, das mir zur Hauptsache geworden war, nur auf sie abstützen.» Vom Zürcher Literaturstreit im Jahr 1966 über den Globuskrawall von 1968 bis zum gescheiterten Migros-Frühling in den 1980er Jahren schreibt der Roman aus persönlicher Anschauung Kultur- und Gesellschaftsgeschichte und durchleuchtet vor allem auch auf kritische Weise den Zusammenhang zwischen Macht und Geld und die Machenschaften von versteckten Seilschaften. Eindringliche Porträts von Gestalten wie Pierre Arnold, Erwin Jaeckle, Hans A.Pestalozzi, Sigmund Widmer, Golo Mann, Adolf Portmann und Ivan Illich erhöhen den zeitgeschichtlichen Wert des Buches.

Und doch erscheint einem durch all das Vordergründige hindurch jener Strang der eigentlich bedeutsame, der vom Ringen des Erzählers um seine literarische Entwicklung berichtet und der dies mit scheinbar nebensächlichen Phänomenen wie der allmählichen Veränderung des Schriftbilds oder den geheimnisvollen, mit den Stäbchen und Schafgarben des IGing erzeugten Orakeln andeutet. Weder der Individualanarchismus à la Alexander Xaver Gwerder noch die seltsame, gelegentlich auch ins erotische Abseits führende Patenschaft des Kinderbuchautors Max Voegeli, ja nicht einmal der Rat des bewunderten Georg Kreisler, der verlauten lässt: «Ich muss sie leider ermutigen!», führen in diesem für den späteren Schriftsteller wesentlichen Bereich zum Ziel, und am Ende der turbulenten Lebensphase stehen unpublizierbare Märchen und drei Romanentwürfe.

Den inneren Reichtum aber, den das unaufhaltsame Fliessen der Zeit in ihm niedergelegt hat, wird er erst später zu dem verarbeiten können, was seinen gedruckten Werken ab 1980 ihre Unverwechselbarkeit verleiht. 


...................................................................


AARGAUER ZEITUNG, Donnerstag, 14. 9. 2017


Der Autor, der sich nicht schont

Von Marie-Louise Zimmermann 


Literatur In seinem neuen Roman «Das unaufhaltsame Fliessen» schöpft der Schriftsteller Christian Haller (74)aus seinen Lebenserinnerungen. Die individuelle Geschichte wird zum exemplarischen Zeitbild 


Buch um Buch nutzt Christian Haller in seinen Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken die Erfahrungen seines Lebens als Material zur literarischen Gestaltung. Nicht zufällig heisst sein bekanntestes, mit dem Schillerpreis ausgezeichnetes Prosawerk «Trilogie des Erinnerns». In immer wieder neuer Form begegnet er schreibend den Stationen seines Lebens. 


Der neue Roman seines grossen autobiografischen Projekts beginnt dort, wo der 2015 erschienene Band «Die verborgenen Ufer» endete: mit einer Katastrophe. Ein Hochwasser hatte einen Teil seines nahe am Rhein gebauten Hauses weggerissen. In der Fortsetzung «Das unaufhaltsame Fliessen» besichtigt der Autor nun die Renovationsarbeiten. Der Bauleiter erklärt ihm, der Untergrund der abgestürzten Terrasse sei brüchig, aber der Fels daneben zum Glück gesund. 


«Das erschien mir wie ein Abbild meiner Lebenssituation. Ich fühlte mich an den inneren Gegensatz erinnert, den ich als junger Mann empfunden hatte. Einerseits fand sich ebenfalls ein gesunder Fels in mir, von dem ich mich abstossen konnte. Andererseits war ein anderer Teil meiner Grund- feste zerrissen und brüchig. Und doch konnte sich mein Schreiben, das mir zur Hauptsache geworden war, nur auf sie abstützen.» 


Unsicher in seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden, konsultiert der gut Zwanzigjährige das alte chinesische Wahrsagebuch «I Ging», das ihm die Beharrlichkeit des Wassers empfiehlt. «Der Pfad, den ich gehen wollte, war gefährlich. Doch in der Tiefe strömte das Wasser, war ein unaufhaltsames Fliessen, das mir zeigte, wie die Schwierigkeiten überwunden würden.» 


Prekäre Existenz 


Sein Leben ist in der Tat nicht leicht: Er findet keinen Verleger für seine Märchen und Gedichte. Seine Arbeit als Lehrerstellvertreter und Archivar in Basel befriedigt ihn nicht, ebenso wenig wie sein auf Rat eines Freundes unternommenes Zoologiestudium. Sein grosses Anliegen, den Nachlass des chaotisch genialen Schriftstellers Adrien Turel zu sichern, kann er gegen den Widerstand der Witwe nur mühsam durchsetzen. 


Auch mit den Frauen tut er sich schwer, doch seine langjährige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Pippa hält. Da sie in Zürich wohnt, bekommt der junge Mann auch die Globuskrawalle mit, die sein politisches Interesse befeuern. Zumindest materielle Sicherheit findet er schliesslich als «Bereichsleiter Soziale Studien» bei der Gottfried Duttweiler-Stiftung in Rüschlikon. Dort begegnet er interessanten Persönlichkeiten, wird aber zermürbt durch die internen Machtkämpfe. Nach acht Jahren kündigt er und wagt als Vierzigjähriger einen Neuanfang. 


Schonungslose Uneitelkeit 


Ausführlich werden diese Ereignisse geschildert, die bedeutungsvollen wie die belanglosen. Manches davon will man eigentlich gar nicht so genau wissen. Doch die präzisen Details machen das individuelle Schicksal zum exemplarischen Zeitbild, und die aus dem Dunkel des Vergessens auftauchenden Bilder gewinnen an Leben. 


Vor allem aber beeindruckt die schonungslose Offenheit, mit welcher der Autor sich selber als Material benutzt mit all seinen Unsicherheiten und Ängsten, seiner sexuellen Verklemmtheit, seiner frustrierten Hoffnung auf Anerkennung. Dieser bei Schriftstellern seltene totale Mangel an Eitelkeit hat etwas so Einnehmendes, dass man dem Ich-Erzähler mit Anteilnahme folgt auf all seinen Umwegen. 


Zum Schluss ist die Renovation seines Hauses gelungen, «der Balkon steht hoch und gesichert über dem Strom». Doch der Lebensbericht des unermüdlichen Autors ist erst in der Mitte angelangt. Sein treues Publikum freut sich darauf, künftig auch etwas von sei- nen Erfolgen zu lesen, und hofft, dass dieser Quell der Erinnerungen nochlange nicht versiegt. 


...................................................................


CICERO, No. 10, Oktober 2017


Autobiografie


Der Seele Suche und Georg Kreislers Beitrag

von Alexander Kissler


Christian Haller setzt seine Lebensbeschreibung fort. Eine beglückende Lektüre ist es abermals 


Der beste Einstieg in die Weltliteratur des Christian Haller ist der Roman "Im Park" von 2008. Darin erfährt der Paläontologe Emile den Zusammenbruch aller Liebes- und Lebensplanung, als seine Partnerin Lia zum Pflegefall wird. Sein Versuch, "aus all den schiefergrauen Mustern, petrifizierten Festlegungen, erstarrten Lebensgerüsten auszubrechen, leicht zu sein, schwebend zu sein, in einem Raum ohne Gewohnheit", bricht sich an Lias Aphasie. Christian Hallers Romane verbinden atmosphärische Präzision und gedankliche Klarheit auf beglückende Weise. 


Der zweite Teil der Autobiografie, "Die verborgenen Ufer" von 2015 fortsetzend, liegt nun vor. Auch "Das unaufhaltsame Fließen" nennt sich Roman und ist dennoch die Lebensbeschreibung dessen, der ihn schrieb. Dennoch? Es gehört zu den poetischen Wasserzeichen im Werk des 1943 im schweizerischen Brugg geborenen Schriftstellers, dass Wirklichkeit nur erzählt werden kann. Sie entzieht sich dem, der sie bannen will. Auch Naturwissenschaften sind ein erzählendes Gewerbe. Das wusste der Paläontologe Emile, das weiß der Ich-Erzähler hier, der auf den Zuruf eines Freundes hin Zoologie studiert, "zum Hauptfach Zoologie und den Nebenfächern Botanik und Chemie belegte ich die Wahlfächer Paläontologie und Geologie. ( ... ) Mit dem Studium stand mir ein neuerlicher Tauchgang in die Geschichte bevor." 


Der übersehene Raum - Schreiben ist für Haller auch Sehen - reicht vom Ende der Schulzeit bis zur freiwilligen Kündigung als Leiter der Abteilung "Soziale Studien" am Züricher Gottlieb-Duttweiler-Institut, von Mitte der 1960er- bis Anfang der 1980er-Jahre. Den Rahmen gibt wie in den "Verborgenen Ufern" der nächtliche Teilabriss seines Hauses durch die alle Stauung sprengenden Massen des Rheins ab, viele Jahre später. Von diesem "Tag der Katastrophe" aus wendet sich das Ich retour zum jungen Mann, der es gewesen ist, um zu erfahren: Was trägt mein Leben, wer trog? 


Immer waren da Menschen, die im entscheidenden Moment einen Weg bahnten. Der Antiquariatsgehilfe Haller stieß zufällig auf die Gedichte des anarchischen Denkers Adrien Turel - und wird dessen Nachlassverwalter, im zähen Kampf mit der Witwe, die der Nachwelt einen weltanschaulich kastrierten Turel übergeben wollte. So gelang ihm bis Oktober 1968 die Mikroverfilmung von Turels Gesamtwerk, 33 600 Aufnahmen, die lesenswerte Theorie von der Moderne als "Ultratechnoikum" inbegriffen. Der ehemalige Kollege vom Lehrerseminar, der Haller zur Zoologie brachte, mag sich der Tragweite seines Ratschlags nicht bewusst gewesen sein, wie auch der Hinweisgeber auf das Duttweiler-Institut, wo Frechheit siegte. Haller nämlich versemmelte das Vorstellungsgespräch, widersprach dem Institutsleiter heftig, doch solche Unverbogenheit schätzte man am Denklabor unter der Ägide des Konsumkritikers, Gesellschaftskritikers, Kapitalismuskritikers, späteren Selbstmörders Hans A. Pestalozzi. Fortan organisierte Haller internationale Tagungen. Pestalozzi, für den "Brüche und Umwege eher Auszeichnungen" bedeuteten, wurde 1979 entlassen. Im selben Jahr erschien sein Bestseller "Nach uns die Zukunft". 


Menschen schreiben Geschichten. Haller trifft auf Erich Fromm, Max Frisch und Georg Kreisler und wäre ohne diesen kein Dichter geworden. Kreisler sagt zum Jungspund: "Ich kann Ihnen nur raten, sehr viel Zeit auf das Nichtstun zu verwenden. Es gehört zum Notwendigsten, um zu sich selbst und zur eigenen Sprache zu kommen." Kreisler liest Hallers Gedichte, schreibt zurück: "Ich muss Sie leider ermutigen." Doch Zweifel bleiben und Aufschwünge, die zu Abschwüngen auslaufen, Einsamkeiten und Liebesverwirrungen. Das "lose Ende der Seele" flattert im Gegenwind. Nur im Strudel, der treibt, ist Heimat, im Fließen die Stätte, die Schreiben heißt. Das trog nicht. Das trägt. 


...................................................................