Im Park

Roman Luchterhand Literaturverlag 2008

Als Emile Ryffel in seine Wohnung zurückkehrt, wird ihm bewusst, dass sich sein Leben für immer verändert hat. In der Nacht zuvor musste er seine Frau in die Universitätsklinik einliefern, wo sie seitdem im Koma liegt. Und als wäre das nicht schon schwierig genug, hat er sich seit kurzem in Klara verliebt, eine junge Bekannte seiner Frau. Sie weckte in ihm den Wunsch, aus den erstarrten Gewohnheiten seines Lebens auszubrechen.

Doch nun, da Lia gelähmt in der Klinik liegt, gerät Emile nur tiefer in das Dilemma seiner Liebe: Da ist einerseits Lia, die seine Hilfe benötigt in ihrer Unbeweglichkeit - und andererseits Klara, die das Leben ungehindert noch vor sich hat, zum Aus- und Aufbruch bereit.

Höchst kunstvoll und mit einmaligem Taktgefühl erzählt Christian Haller eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art, erzählt von schmerzlichen Abschieden und neuen Anfängen – und dabei von dem, was im Leben zählt: der Liebe.

"Haller erreicht eine sprachliche Präzision, eine Eleganz auch, die in der Gegenwartsliteratur rar geworden ist."
Basler Zeitung

An den Grenzen der Existenz

In seinem so beklemmenden wie überzeugenden neuen Roman «Im Park» erzählt der Schweizer Autor Christian Haller vom Drama einer Nacht, nach der nichts mehr ist wie zuvor.
Von Manfred Papst

Auf den ersten Blick ist «Im Park» eine Dreiecksgeschichte. Ein Mann, Emile Ryffel mit Namen und Paläontologe von Beruf, steht zwischen zwei Frauen. Da ist seine Lebensgefährtin Lia, eine politisch engagierte Filmerin Ende dreissig, und da ist Klara, halb so alt, ein Mädchen fast noch, romantisch, naiv, voller hochfliegender Träume. Emile könnte ihr Vater sein. Er kann oder will seine Gefühle aber nicht bezwingen und lässt sich mit dem blühenden Geschöpf ein. Midlife-Crisis, Selbstverwirklichung, Verrat: Dergleichen glaubt man zu kennen.

Dann aber geschieht das Unerwartete, das Ungeheuerliche. Eines Nachts findet Emile Lia schmerzverzerrt am Boden liegend, wild zuckend und heftig um sich schlagend. Äussern kann sie sich nicht mehr. Sie hat eine schwere Hirnblutung erlitten, fällt ins Koma, schwebt qualvolle Tage zwischen Leben und Tod. In den Augen der Ärzte besteht wenig Hoffnung. Emile aber verliert nun, während der Zeit des Wartens und Bangens, jeden Boden unter den Füssen. Was geschieht mit Lia, und was kommt auf ihn zu? Was soll er sich wünschen, und was fürchtet er mehr: ein Ende mit Schrecken, einen Schrecken ohne Ende? Er ist so ehrlich, sich diese Frage zu stellen.

Während Lia auf der Intensivstation durch ihre Hölle geht, bis sie endlich wieder erwacht, aus tiefem Vergessen und halbseitig gelähmt, geht Emile durch die seine. Zwischen dem Spital und seiner einsamen Wohnung irrt er hin und er. Und in dieser Situation wird Klara für ihn weit mehr als ein erotisches Abenteuer. In seinem Taumel, seiner Angst wird sie für ihn zur Utopie des Gewöhnlichen, des geglückten Alltags, des bestandenen Augenblicks. Sie steht für eine fraglose, erlöste Welt, die ihm als dem gleichsam Mit-Invalidisierten mit einem Mal abhanden gekommen ist. Immer verzweifelter stürzt er sich deshalb in ihre Arme, schreibt ihr emphatische Briefe und verstrickt sich damit tiefer und tiefer in Schuld: gegenüber Lia, die erst um ihr Leben kämpfen und dann lernen muss, mit einem Körper zu leben, der ihr nicht mehr gehorchen will, aber auch gegenüber Klara, die er, wie ihm allmählich bewusst wird, in seiner Not für seine eigenen Zwecke missbraucht.

Biografischer Kern

So einen Stoff kann man nicht erfinden, und Christian Haller hat ihn nicht erfunden. Vor 23 Jahren ist ihm widerfahren, was er hier beschreibt. Und als Konsequenz davon hat er sich für eine ungewöhnliche Lebensform entschieden: Seit vielen Jahren lebt er mit seiner invaliden Gefährtin und deren Schwester in einer Hausgemeinschaft. Die Pflege der an den Rollstuhl gefesselten Frau bestimmt seine Tage. Sie hat ihn gelehrt, die Parallelwelt, in die Angehörige von Kranken geraten, zu ertragen. Er hat seine Ungeduld überwunden und gelernt, Langsamkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern als Chance zu sehen, die der oft kopflosen Eile das genaue Erleben entgegensetzt. Haller weiss also, wovon er spricht.

Gleichwohl ist sein neues Buch, das die drei Monate von Lias Gehirnblutung bis zum vorläufigen Ende der Rehabilitation behandelt, weder Erlebnis- noch Rechenschaftsbericht, sondern – wie schon seine «Trilogie des Erinnerns» – ein elaboriertes Sprachkunstwerk, die Transponierung des Persönlichsten ins Allgemeine. Vieles hat er in diesem Prozess verwandelt, verfremdet, artistisch geformt. Schon in der Wahl der Perspektiven, erst recht in der Ausarbeitung der Details, in der Farbgebung jedes Wortes beginnt die Fiktionalisierung. «Im Park» ist kein Schlüsselroman. Emile, Lia und Klara sind keine Folien, sondern eigenständige Figuren.

Frische Wunden

Das Ausgangsmaterial aber, und darauf besteht Christian Haller im Gespräch mit allem Nachdruck, ist authentisch. «Alles, was mit der Hirnblutung zusammenhängt, lässt sich ja nicht einfach herbeiphantasieren. Und es wäre auch unkünstlerisch. Es gibt Dinge, die man nicht aus zweiter Hand erzählen kann. Das Leid anderer zu verwenden, um etwas darzustellen, das einem irgendwie in den Kram passt – das fände ich schädlich und uninteressant.»

Doch nicht nur aus moralischen Gründen betont Haller die Wichtigkeit der konkreten eigenen Anschauung. Eine ästhetische Kategorie kommt hinzu. «Jeder ernsthafte Schriftsteller schöpft letztlich aus dem, was er selbst erlebt und erlitten hat. Eine andere Ressource hat er nicht. Und ich habe entdeckt, dass dieses Material unendlich viel Poesie enthält, die man nur sehen und ergreifen muss. Das Erleben, besonders wenn es an die existenziellen Grundlagen geht, ist prall gefüllt mit Details, denen gegenüber unsere Phantasie etwas ganz Blasses ist.»

Aus dem Wurzelgrund der eigenen Anschauung und Erinnerung nährte sich schon die Trilogie, und aus ihm nährt sich auch der Roman «Im Park», der auf subtile Weise – etwa in Bezug auf die verzweigte paläontologische Metaphorik – mit ihr verbunden ist.

Doch mit keinem Buch hat sich Christian Haller so schwer getan wie mit diesem. Zwar hat er schon früher – so im Roman «Der Brief ans Meer» – versucht, den so heiklen wie zentralen Stoff zumindest indirekt anzusprechen. Aber erst jetzt ging er aufs Ganze. Dabei verblüffte es ihn, wie viele Wunden die Niederschrift nach all den Jahren in ihm aufriss. «Es heisst ja, die Zeit heile alle Wunden», sagt er nicht ohne Bitterkeit. «Ich halte das für eine grosse Illusion. Schürfungen heilt sie vielleicht. Aber keine tiefen Wunden. Die sind unter den Sedimenten der Zeit so frisch wie am ersten Tag.»

Radikalität und Rücksicht

Wie aber kann man über jemanden, der jeden Tag um einen ist, den man wäscht und anzieht, einen Roman schreiben? Und wie hat die Gefährtin das Ansinnen aufgenommen? «Natürlich habe ich ihr von dem Plan erzählt und ihr das Manuskript in statu nascendi gezeigt», erklärt Christian Haller. «Hätte sie gesagt: ‹Das ertrage ich nicht›, so hätte ich die Arbeit sofort abgebrochen. Aber sie hat mit der ihr eigenen Noblesse reagiert und gesagt, die Lektüre erinnere sie daran, wie ihre Mutter ihr von ihrer Geburt und ihrer ersten Lebenszeit erzählt habe. Auch hier erfahre sie vieles, an das sie keine Erinnerung habe.» Und hat sie Änderungen, Milderungen, Abschwächungen verlangt? «Nein, keine einzige.»

Für den Leser hat «Im Park» – wie alle Literatur von Rang – trotz des düsteren und beklemmenden Themas etwas Befreiendes. Denn in gewisser Weise handelt es sich um einen Entwicklungsroman. Er führt durch die Hölle der Schuld, des Zweifels, der abgrundtiefen Verunsicherung, aber verharrt nicht in der Katastrophe. Er führt am Ende ins Freie. Und auch wenn der Schluss vieles offen lässt, so bleibt doch eines gewiss: Emile kehrt nicht nur deshalb zu Lia zurück, weil sie ihn braucht und er ein schlechtes Gewissen hat. Ihm wird klar, dass er ebenso auf sie angewiesen ist wie sie auf ihn. Er entdeckt in sich eine Liebe, ein strenges Glück, das von ganz anderer Beschaffenheit ist als die so wunder- wie sonderbare Beziehung zu Klara. Lia ist durch ihre schwere Krankheit und Krisis zu einer zwar hilfsbedürftigen, aber doch auch gefestigten und darin bewundernswerten Persönlichkeit geworden, die es vermag, dem wankelmütigen Emile Halt zu geben.

Das Gefühl der Erleichterung, das sich im Leser regt, hat sich dem Autor bisher jedoch nicht mitgeteilt: weder bei der Niederschrift des Werks noch danach. «Der Gedanke, ob es mir nicht wohler wäre, wenn ich dieses Buch nicht geschrieben hätte, beschäftigt mich jeden Tag», sagt er. «Vielleicht habe ich einen furchtbaren Fehler gemacht. Ich weiss es nicht. Doch jetzt habe ich das Werk aus der Hand gegeben und muss es loslassen. Und natürlich erwarte ich die ersten Reaktionen so ängstlich wie nie zuvor.»

Als Kritiker muss man diese Unsicherheit nicht teilen. Der Roman «Im Park» ist ein gewichtiges Werk. Was es unter anderem auszeichnet, sind die Klarheit und Härte der Darstellung. Hallers Sprache kommt ohne jedes schmückende Beiwerk aus. Die Sätze sind knapp, reduziert, ohne das gelassene Vergnügen an der mäandrierenden Schilderung, wie sie manche – höchst gelungene! – Passagen der Trilogie kennzeichnete. Hier werden keine Stoffmassen ausgebreitet. Obwohl es um grosse Gefühle geht, wird jeder Verdacht auf Sentimentalität vermieden. Engführung heisst das Stichwort. Die Figuren erscheinen uns in einer schonungslosen Nacktheit, die an den frühen Existenzialismus erinnert.  

Weitung ins Allgemeine

Wichtig ist im weiteren, dass Haller aus Emile kein blosses Ungeheuer, aus Lia kein blosses Opfer und aus Klara keinen reinen Engel macht. Er zeigt seine Figuren in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Alle gehen durch ihre Krisis. Wir sehen zum Beispiel, dass Emile sich um Aufrichtigkeit – auch gegenüber sich selbst – bemüht, dass er sich aber auch immer wieder in kleine Betrügereien und Lebenslügen flüchtet. Er ist ein moderner Odysseus: bald listig, bald verwegen, bald feige, und stets auf einem Weg, der kein gerader sein kann. Wir hoffen und leiden mit ihm, wir verstehen seine Not und seine Ratlosigkeit, ärgern uns aber doch darüber, dass er die Hingabe, mit der er Lia begegnen sollte, gern sich selbst angedeihen lässt. Wir können seine Liebe zu Klara nachvollziehen und wundern uns doch über den kleinlichen Neid, mit dem er ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Herkunft betrachtet.

Entscheidend für den Rang von Hallers Roman ist indes, dass er nicht bei der Situation eines individuellen Schicksals stehen bleibt, sondern uns mit Grundfragen des Lebens konfrontiert. Der Autor stellt seinen Emile in eine Situation, die nicht nur ihn an die Grenzen seiner Existenz bringt, sondern jeden von uns überfordern würde. Wie fänden wir aus dieser Zwickmühle heraus?. Was könnte uns helfen? Diese zentralen Fragen, die die Menschheit seit der Antike beschäftigen, stellt Hallers vermeintlich bekannte Dreiecksgeschichte mit aller Wucht.

Christian Haller lesen

Der Roman «Im Park» (186 S., Fr. 31.90) ist soeben bei Luchterhand in München erschienen. Die Buchvernissage findet am 17. 9. im Literaturhaus Zürich statt (Moderation: Alexander Kissler). Die Termine der weiteren Lesungen finden sich auf www.christianhaller.ch. Die grosse «Trilogie des Erinnerns» , die aus den Romanen «Die verschluckte Musik» (2001), «Das schwarze Eisen» (2004) und «Die besseren Zeiten» (2006) besteht, ist in Einzelbänden bei Luchterhand sowie in einem dicken Taschenbuch bei btb (Nr. 73676, Fr. 18.90) lieferbar. Ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist Hallers höchst bemerkenswerter Gedichtband «Am Rand von allem» (Edition Isele, Eggingen, 102 S., Fr. 25.-). Die beiden ersten Romane des Autors, «Strandgut» (1991) und «Der Brief ans Meer» (1996) sind nur noch antiquarisch erhältlich. Christian Haller, der 1943 in Brugg geboren wurde, lebt als freier Schriftsteller und Dramaturg im aargauischen Laufenburg. (pap.)

 

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Auf dem Grat des Trivialen

Christian Hallers neuer Roman «Im Park» erzählt eine Dreiecksbeziehung

Emile steht zwischen zwei Frauen: Die eine ist schon halb gestorben, die andere ist gerade am Aufblühen. Es ist eine alte Geschichte, und Christian Haller erzählt sie doch noch einmal neu. Mit Sorgfalt und einem gewagten Schluss.

EVA BACHMANN

Nach seiner Trilogie des Erinnerns mit «Die verschluckte Musik», «Das schwarze Eisen» und «Die besseren Zeiten» über die Mutter, den Grossvater und den Vater und mit vielen Verweisen in die Schweizer Geschichte wendet sich Christian Haller nun einem absolut zeitlosen Thema zu: «Im Park» erzählt von einer Dreiecksbeziehung. Dass er sich damit ins «Tri-viale» begibt, ist dem Autor klar, er selbst benennt es so. Und unternimmt Ausweichmanöver.

An der Weggabelung

Emile Ryffel, der Protagonist des Romans, ist Paläontologe im Sabbatical. Aus seiner Perspektive wird erzählt, allerdings in der dritten Person. Seine langjährige Partnerin Lia hat eine Hirnblutung erlitten, liegt tagelang im Koma und erwacht daraus halbseitig gelähmt. Die Nacht davor war Emiles erste Liebesnacht mit der viel jüngeren Klara gewesen.

Auf seinem täglichen Weg zu Lia durchquert Emile einen Park. Auf der einen Seite steht die Alte Universität, wo er sich auf einem Ball in Klara verliebt hatte – auf der anderen die Klinik. Auf der einen Seite die rauschende, aufblühende Jugend – auf der anderen die leblose Frau, deren weiteres Leben ein hilfebedürftiges Zurechtkommen sein sollte. Doch Klara würde ihn verlassen und ins Leben hinausgehen, und Lia hat sich so weit entfernt, dass er sie nicht mehr erreicht. Der Mann steht an der Weggabelung.

So weit, so trivial. Christian Haller begegnet der Kitschgefahr, indem er den Frauen jede Puppenhaftigkeit nimmt und sie mit einem reichen Eigenleben ausstattet. Zweitens schreibt Haller in einer geradezu klassischen Stillage, er trifft einen ruhigen, der Sensation abholden Ton und einen fliessenden Rhythmus. Verweise auf Musik sind viele vorhanden, oft betrachtet Emile auch Bilder, insbesondere das Triptychon von Hieronymus Bosch.

Die Briefe an Klara sind aufgeladen mit mythischen Szenen und Figuren und der wiederkehrenden Metapher des schwarzen Teichs, dem die verführerische Schlange entsteigt, in dessen Schlick aber auch Urwesen jene Spuren hinterlassen haben, die er als Paläontologe zu lesen versucht. «Durch die Gemeinsamkeit kehre ich zurück an den Ursprung jeder Form, finde mich in frühen Schichten wieder, zeichne auf Deine Haut die Blätter der Palmen, den Mäander der Schlange – und wir sind im Garten, wo der Brunnen in leuchtende Himmel ragt, der Fontänen von Lebenswasser ausspeit, die nie versiegen dürfen, weil im Augenblick, dort, wo wir blind sind, ein Teich sich einschwärzt», schreibt er an Klara. Diese Stillage ist zeitweise zu hoch gegriffen, doch Emilie erschrickt gerade noch rechtzeitig über sich selbst, über seine «gleichen, letztlich nur entliehenen Bilder».

Versehrt

Drittens versucht Haller der Trivialität zu entgehen, indem er den Mann als den eigentlich Versehrten darstellt. Lia weist ihre gelähmte Hälfte ihrer Vergangenheit und ihren Ahnen zu und will sie als Teil ihrer Person mit sich tragen. Derweil begreift Emile, dass er mit seinen verschiedenen Leben überhaupt nicht eins ist. «Lia entdeckte, dass sie durch ihre Behinderung aus dem ganz gewöhnlichen Begreifen gestossen worden war, dafür aber eine neue Sicht gewonnen hatte. (…) Emile dagegen befiel mehr und mehr die Gewissheit, zerbrochen zu sein, unsicher zu stehen inmitten eines Morasts widerstreitender Gefühle, als stünden die Beine in verschiedenen Booten.»

Diese Erkenntnis wird im Roman durch lange Rehabilitationsversuche auf der einen und einer endzeitlich ausgelebten Erotik auf der anderen Seite vorbereitet und ausführlich begründet. Trotzdem bleibt am Schluss ein Unbehagen darüber, dass eine körperliche Versehrung gegen eine psychische ausgespielt wird. Niemand möchte entscheiden, was schlimmer ist – doch der Autor zwingt uns in die Sicht von Emile.

Nach einem letzten Traum vom paradiesischen Garten, «ein dem Leben nachempfundener Kitsch», gibt Emile Klara frei. Es ist ein herber Schluss, denn Klara bleibt die Lichtgestalt bis zum letzten Satz, während Lia zum namen- und geschlechtslosen Wesen mutiert: «Er (Emile) wusste, er würde diesen Menschen nicht verlassen können, auch für Klara nicht, weil er es war, der ihn brauchte.» Der Verlust der Weiblichkeit brüskiert die Leserin – doch die uneindeutige Zuordnung des «er» und «ihn» in den letzten Teilsätzen schafft immerhin eine neue Balance.

Christian Haller: Im Park. Luchterhand, München 2008, Fr. 31.90

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Der Aargauer Autor Christian Haller ist im Februar 65 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag hat Markus Bundi einen Essay zu Hallers Werk publiziert. Bundi geht darin chronologisch durch die Erzählungen, Gedichte und Romane, die seit 1980 erschienen sind. ... »

 

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Neuer Blick aufs Leben

22.10.2008

Jeden Tag geht Emile durch den Park

Christian Haller:"Im Park", Luchterhand Verlag

Von Eva Pfister

Der Schweizer Autor Christian Haller, Jahrgang 1943, studierter Zoologe und längere Zeit als Dramaturg tätig, hat zuletzt drei Romane veröffentlicht, in denen er Familiengeschichte mit Zeitgeschichte verwoben hat. Mit seinem neuen Roman knüpft der Autor an sein Frühwerk an und erzählt eine intime Geschichte, die mit wenig Personal in einem knappen Zeitraum spielt. "Im Park" ist die Geschichte einer persönlichen Katastrophe und ihrer Bewältigung.

Eingeschlossen im Schiefergestein sind die Fossilien, mit denen der Paläontologe Emile sich beschäftigt, und so gefangen fühlt er sich selbst an diesem Wendepunkt seines Lebens. Der gut Vierzigjährige hatte sich eben in die achtzehnjährige Schülerin Klara verliebt, da erleidet seine Lebensgefährtin Lia einen Schlaganfall. Emile - sein Name wird mit einem französischen Schluss-E geschrieben - kippt aus der Routine seines Lebens heraus, aber nicht so, wie er es sich erträumt hat. Mühselig rekonstruiert er für sich, was geschehen ist, starr vor Angst, dass Lia nicht mehr zu Bewusstsein kommen wird. Und Emile, nachdem er Stunden am Bett von Lia verbracht hatte, lief durch den Park, als wäre er darin eingesperrt. In seinen Kleidern hockte der Spitalgeruch, diese von Chemikalien und Ausdünstungen imprägnierte Wärme, noch immer waren um ihn die Stimmen der Besucher an den anderen Betten, diese überfreundlichen Töne, zu hoch angesetzt, zu weich und lieblich herunterplätschernd, ein angestrengtes Lieb- und Angenehmsein, als wären die Wörter selbst Pillen, unablässig verabreicht, gegen das Verstummen, gegen eine drohende Stille.

"Im Park" heißt Christian Hallers neues Buch, denn in den Gängen durch diesen Park, den Emile als "Vorhof des Todes" empfindet, manifestiert sich sein Zustand zwischen den Welten, in dem er zunehmend den Boden unter den Füßen verliert. Der Roman ist die beeindruckende Studie einer schweren Lebenskrise. Der Wissenschaftler Emile und die engagierte Filmemacherin Lia waren ein gut funktionierendes Paar - bis alles aus den Fugen geriet. Jeden Tag geht Emile durch den Park in die Klinik, wo Lia nach fünf Tagen aus dem Koma erwacht, aber halbseitig gelähmt bleibt. Zugleich klammert er sich an die junge Klara, fährt am Abend zu ihr oder schreibt ihr glühende Liebesbriefe: " ... und aus dem Erinnern an Garten und Lust wachsen mir Pflanzen zu, blühen auf, tragen Früchte, übergroß, von fleischiger Süße, und ich finde mich in einer gläserner Kapsel über Teich und Wasser, geschmiegt an Deinen Körper in dieser Beeren-Einsamkeit." Dass diese Briefe schwülstig sind, bemerkt auch Emile selbst, und dass er die Metaphorik aus Hieronymus Boschs Gemälde "Der Garten der Lüste" entlehnt hat, lässt der Autor nicht unerwähnt. Aber diese Passagen bleiben in ihrer Künstlichkeit und ihrem Pathos ein Fremdkörper, auch die Figur der Klara ist blass, wie eine Projektionsfigur, die sie ja auch ist. Diese Liebe steht in erster Linie für die Sehnsucht nach der verlorenen Zukunft. Wie Emile abends unter Klaras Mitschülern im angesagten Schuppen sitzt, auf ihren Rat hin neu eingekleidet in jugendliche Klamotten, macht ihn beinahe zur lächerlichen Figur. Schockierend ist dann aber doch, wie Männer in Emiles Alter ihm raten, sich an die "Junge" ranzuhalten, da Lia ja "ausfalle", und die Behinderte rasch in ein Heim zu bringen. Christian Haller schildert die Katastrophe aus der Sicht Emiles, er beschreibt in eindringlichen Momentaufnahmen seine Schuldgefühle, seine Fluchttendenzen wie auch sein verantwortungsvolles Verhalten. Emile ist eine vielschichtige spannende Figur, aber beinahe noch packender ist es, durch seine Augen die Konfrontation mit den Folgen einer Hirnblutung mitzuerleben. Auf die Freude, dass seine Gefährtin wieder erwacht ist, ja sogar noch sprechen kann, folgt die Ernüchterung: Lia presst die Worte nur mühselig heraus und sie empfindet die Bewegungstherapie als gewalttätige Schikane. Nur langsam macht sie Fortschritte. Der Griff, mit dem Lia die gelähmte Hand packte, diese hochhob, vor ihrem Gesicht in einer Kreisbewegung herumführte und mit unmissverständlicher Autorität in den Schoß legte, war bereits zu einer charakteristischen Geste geworden: Als wäre ihre gelähmte Hand ein Kätzchen, das man zurechtsetzen, dann aber auch beruhigend streicheln müsste. ... Emile, der sich neben Lia aufs Bett gesetzt hatte, um die Rückkehr nach der Rehabilitation zu besprechen, ein Wechsel, vor dem sie sich fürchtete, spürte plötzlich diesen raschen Griff am Handgelenk. Seine Hand wurde hochgehoben, vor ihr in den Schoß gelegt, und Emile ließ es geschehen. Ohne es zu bemerken, hat Lia statt ihrer eigenen die Hand ihres Freundes bewegt. Emile bleibt an ihrer Seite, auch in der Trauer über ihre Behinderung. Nach Trotz und Wut gleitet sie in eine depressive Erschöpfung, dann beschäftigt sie sich intensiv mit ihrer Kindheit. Mit der Zeit wird sie gelassener, und Emile versteht, dass Lia auf dem Weg zu einer neuen Wahrnehmung ist. Ohne zwei Hände ließ sich noch nicht einmal ein Schuh binden, konnte kein Stück Brot abgeschnitten werden, und Lia entdeckte, dass sie durch ihre Behinderung aus dem ganz gewöhnlichen Begreifen gestoßen worden war, dafür aber eine neue Sicht gewonnen hatte. Nachdem sie anfänglich ihr verletztes Ich noch versteckt hatte, begann sie nun mit leicht schiefer Kopfhaltung, dem im linken Auge um ein Viertel eingeschränkten Blickfeld, seltsam asymmetrisch in diese Welt hineinzuschauen, und es war, als sähe sie wie bei einer Bühne, die in der normalen Ansicht der Zuschauer ein einheitlich geschlossenes Bild ergibt, aus einem schrägen Winkel in die seitlichen Blenden, und durch die Lücken der Soffitten, blickte so hinter die Bühne, wo die simplen Vorrichtungen der Illusionen stehen. Der Roman "Im Park" geht auf eine authentische Erfahrung des Autors zurück, dessen Lebensgefährtin vor über 20 Jahren eine Hirnblutung erlitten hat. Das Buch kann auch als eine Liebeserklärung gelesen werden, denn was Emile von Lias vergangenen Aktivitäten als Dokumentarfilmerin berichtet, nimmt uns Leser ebenso gefangen wie seine feinfühlige Schilderung ihres Kampfes um ein neues Leben. Und noch bevor Emile es selbst ausspricht, begreifen wir, dass es gerade Lia ist, die ihm helfen kann, aus seinen Versteinerungen auszubrechen.

Christian Haller:"Im Park" Roman, Luchterhand Verlag München 2008,
186 S., 17.95 Euro

 

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Eine delikate Konstellation

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 21.10.2008

Im neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Christian Haller, «Im Park», gerät ein Urzeitforscher zwischen zwei starke Frauen.

Christian Haller: Im Park. Roman. Luch­terhand. 186 S., ca. 32 Fr.

Emile ist Paläontologe, das heisst, er befasst sich mit Lebewesen aus so fernen Zeiten, dass wir von ihnen nur noch Abdrücke in Stein haben. Er ist aber kein stu­rer Fossilienzähler, sondern auch an er­kenntnistheoretischen Fragen interessiert; seine Artikel «über den Wirklichkeitsge­halt systematischer Ordnungen» stossen in der Zunft aber auf Ablehnung. Ein wis­senschaftlicher Sonderling also. Für einen Uraltertumsforscher überraschend ist auch seine Sensibilität für Stimmungen und Schwingungen der Gegenwart.

Seine Frau Lia ist mit Gehirnblutungen ins Spital eingewiesen worden und ins Koma gefallen. Emile geht durch die Woh­nung und findet lauter «Abdrücke» ihrer Existenz: ein aufgeschlagenes Taschen­buch, ihre «eingedrückte, fossilierte Form» in den Betttüchern; eine zuberei­tete Mahlzeit im Kühlschrank. Die Anwe­senheit Lias ist der Wohnung eingeschrie­ben, aber auch der Existenz Emiles, bis in den verborgensten Winkel seines Gewis­sens, wo er sich die (natürlich absurde) Frage stellt, ob er etwa Lias Koma verursacht habe, weil er sie weggewünscht habe, um ein neues Leben mit seiner jun­gen Geliebten Klara zu beginnen.

Die beiden Seiten eines Komas

Das ist die delikate Konstellation in Christian Hallers neuem Roman «Im Park». Ein Mann zwischen zwei Frauen – so die gängige Formel, die aber über den jeweiligen Einzelfall so gut wie nichts aus­sagt, und die Literatur hat immer mit Ein­zelfällen zu tun. Hier gibt jedes Detail der Geschichte einen besonderen Dreh, und alle zusammen machen sie einzigartig.

Noch wichtiger natürlich ist die Sprache, in der sie erzählt wird, und da gelingt Haller eine ganz besondere Synthese aus genauen Beobachtungen, auch von ver­meintlich Nebensächlichem, deren nuan­ciert schattierter Formulierung und tief schürfenden, weit führenden Gedanken. «Hinter ihrem Gesicht lag ein Lächeln, das nur gerade die Augenwinkel erreichte, die übrigen Züge jedoch der Vorsicht über­liess »: Kann man es treffender sagen? Oder die Bemerkung über das Leben als «Rechthaberei, die keinerlei Abweichung vom immer schon Gewohnten duldete»: Der kann man widersprechen, aber sich ihr entziehen kann man nicht.

Emile gehört zu jenen Helden, die den Leser beschäftigen, auch wenn er ihnen nicht unbedingt nahe kommt. Ihm zur Seite treten zwei ebenbürtige Frauen, zwischen denen er sich entscheiden muss: Klara und seine Ehefrau Lia, die schliesslich aus dem Koma erwacht, halbseitig gelähmt, voll zorniger Vitalität (die beiden Seiten, in denen sie den komatösen Zustand nacherlebt, gehören zu den stärksten des Buchs).

 

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Die Muster des Lebens

Christian Hallers tiefgründig-präziser Roman «Im Park»

   Was auf Erden gelebt hat und was sich zugetragen hat, liest der Paläontologe aus den Sedimenten längst vergangener Zeit. Die Versteinerung ist ihm kein Ende, sondern ein hermeneutischer Anfang. Ist er nicht ein genuiner Erzähler der Welt, über den selbst sich trefflich erzählen lässt? Emile heisst der paläontologische Held im neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Christian Haller. Er ist ein Erforscher von Tiefenschichten und Oberflächlichkeiten, die Hauptfigur in einem grossen Kammerspiel der Liebe.

Geometrie der Liebe

   «Im Park» nennt Christian Haller sein Buch, in dem es um Emile und eine komplizierte Beziehung geht. Am Naturhistorischen Museum hat er einen Lehrauftrag, von dem er sich für ein Sabbatical hat freistellen lassen. Nun schreibt er an einem Artikel «Zur Bedeutung der Ähnlichkeit in der phylogenetischen Systematik». Die Beziehung zu Lia droht indessen an den Symptomen einer Midlife-Krise zu scheitern. Emile hat eine Achtzehnjährige namens Klara kennengelernt und verbringt Zeiten einer nachholenden Jugendlichkeit mit ihr, als das Unglück eines Nachts geschieht. Seine Lebensgefährtin Lia windet sich in Krämpfen. Nach einer Gehirnblutung fällt sie ins Koma. Was folgt, sind Wochen und Monate einer gelähmten und verzweifelt gelebten Zeit. Am Krankenbett versucht Emile Kontakt zu Lia zu finden, die er nicht mehr zu lieben glaubt. Abends fährt er dann zu den Partys seiner adoleszenten Geliebten. Die Eltern ihrer Freunde sind so alt wie er selbst, als drohendes Über-Ich gleiten ihre Blicke über die neuerdings mutigen Muster seiner Pullover. Bei Kerzenlicht feiern Klara und Emile die ungleichen Ekstasen einer Beziehung, die schliesslich an der Aussichtslosigkeit einer gemeinsamen Zukunft scheitert.

   Christian Hallers Roman ist viel mehr als das, was in der Geometrie der Liebe «Dreiecksbeziehung» heisst. In die Schichten des Menschlichen steigt er hinab, dorthin, wo die Sedimente des Lebens sich zu Erinnerungen verfestigt haben. Weil Christian Haller als Schriftsteller aber solche Dinge nicht ohne die Sprache denken will, die an den Transformationsprozessen beteiligt ist, hat er aus seiner Erzählung auch ein Buch über das Erzählen gemacht. Erst in der Sprache bekommen die «Ein- und Abdrücke» ihre Form. Christian Hallers Sätze haben eine gemächliche Genauigkeit, sie nehmen Umwege, um ans Ziel zu kommen. Langsam, wie der Held die immergleiche Strecke durch den Park zur Klinik nimmt, schreitet die Geschichte voran, und allmählich fügen sich die Motive zum grossen Bild: Wie die Fossilien im Gestein eingeschlossen sind, so ist das Bewusstsein Lias im Koma gefangen. Auch Hallers Held bleibt trotz seinen Ausbruchsversuchen mit einer jungen Frau das Opfer eines «Angehaltenseins». Die Vergangenheit einer grossbürgerlichen Familie hängt im altmodisch französischen «e» an seinem Vornamen Emile. Wie ein Forscher des eigenen sonderbaren Lebens geht Emile durch die Zeit nach Lias Zusammenbruch. In den Dingen, die seinen Alltag säumen, wird für ihn der Stillstand spürbar. Die bräunlich sich verfärbende Bananenschale auf der Spüle seiner Wohnung, der alte Gasherd und der Tisch mit der Schieferplatte sind Zeichen einer Versteinerung, die sich immer näher an ihn heran schiebt. Was bleibt vom «Strom der Absichten, Wünsche und Pflichten» angesichts skandalöser Verhältnisse, angesichts der Zuneigung und des Zorns?

Stillstand und Aufbruch

   «Im Park» ist auch die Geschichte eines ungleichen Paares. Die feministische Filmemacherin, die das überkommene Patriarchat abschaffen will, und der Forscher, der an der Taxonomie von Lebewesen längst vergangener Erdzeitalter arbeitet, sind in komplementären Systemen zu Hause. Zu zeigen, wie sehr sie sich ergänzen, bleibt dem Ende des Romans vorbehalten. Dass Christian Hallers Roman eine autobiografische Grundlage hat, macht die Erzählung authentisch, ohne deshalb den Voyeurismus zu bedienen. Unsentimental wird die Geschichte der doppelten Beziehung zu Klara und Lia erzählt. Das Koma und Lias Körper, der sich selbst sucht, aber seine rechte Hälfte nicht mehr finden kann, sind Gegenstand einer zärtlichen Distanz. Mit grosser und, so ist zu vermuten: autobiografischer Einfühlung nähert sich Christian Hallers Sprache dem Neubeginn einer Beziehung. Ganz langsam erwacht Lia aus dem Koma, findet zu ihrer Sprache zurück und muss damit leben, dass ihre Glieder nicht mehr so wollen wie sie. Die Hände sind einander so fremd, dass sie die des anderen für eigene halten. Auf eindrückliche Weise sind in Christian Hallers Roman die Bilder der Liebe zum Ganzen gefügt.

   «Im Park» erzählt von einer Trennung und von einem Zusammenfinden, es ist ein Buch des Stillstands und des Aufbruchs. Wenn die Schichten der Zeit sich in Geschichten fassen lassen, dann hat Christian Haller das Handwerk des Paläontologen mit der Genauigkeit des grossen Schriftstellers betrieben. Die Muster des Lebens wird man in seinem Roman erkennen. Wie von fern erscheinen sie, und dabei ganz nah.

Paul Jandl

Christian Haller: Im Park. Roman. Luchterhand-Literaturverlag, München 2008. 190 S., Fr. 31.90.

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