LAUB VOR DEM WINTER

"Auch die Flechten sind Pflanzen"
stand in deinem Brief
doch sie gehören zu den Pilzen –


und ihr schuppig quellendes Grau
ist zu Leben verwandelter Regen

der sich an Borken und Steinen
zurück in die Herkunft
quellender Wolken sehnt


Laub vor dem Winter - in einem Anhauch von Farbe kündet sich die Vergänglichkeit an. Im Bewusstsein, dass die Blätter bald schon als «letzte Nachrichten» verwehen werden, wird der Augenblick kostbar. Ihm wenden sich Hallers Gedichte zu. Dabei sieht nicht allein der Dichter die Welt an, diese schaut auch ihn an: «Als die Uferbäume / mich heute Morgen / durchs Fenster ansahen», und so kann das lyrische Ich durch den Perspektivenwechsel auch mal «als Blatt / auf dem algig kalten Wasser» treiben. Es besitzt die Befähigung, in «jambischen Fluchtversuchen» sich durch geometrische Figuren zu bewegen. In einer Linie etwa, die nur aus einer einzigen Dimension besteht. Das Ich stellt sich «den Schwung berauschend vor», ohne zu bedenken, wie eng es in einer einzigen Dimension werden kann.
Wie kaum ein anderer richtet Christian Haller den genauen Blick auf das Unsagbare, um es dennoch mit dem Instrument der Wörter präparierend freizulegen.

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WOZ Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

BUCH «LAUB VOR DEM WINTER» 

Lakonischer Herbst des Lebens 

Von Hans Ulrich Probst

Der 71-jährige Aargauer Autor Christian Haller hat vor allem als Romancier, namentlich mit seiner «Trilogie der Erinnerung» zur Geschichte seiner Familie und der Schweiz im 20. Jahrhundert, eindrückliche Werke veröffentlicht. Doch Haller schreibt seit Jahrzehnten auch Gedichte, die meisten davon sind nicht publiziert – leider, muss man sagen nach der Lektüre des Gedichtbandes «Laub vor dem Winter». 

Das sind im mehrfachen Sinn Herbst- und Wintergedichte: Das lyrische Ich dieser Texte verhehlt nie, dass es im Herbst des Lebens steht, und so dominiert eine melancholische Grundstimmung. In lakonischer Gelassenheit blickt Haller auf Gelingen und Scheitern zurück. Ganz gewöhnliche ebenso wie einmalige Augenblicke erfasst er in punktgenauer Sprache. Ein kleines Juwel schon das Titelgedicht, das mit sechzehn Wörtern auskommt und offenlässt, ob hier der auf Blätter schreibende Dichter oder ein Baum spricht: «Spät im Jahr / verschicke ich / die Blätter / als Zugvögel / letzte Nachrichten / vom Laub / vor dem Winter».

Haller lebt in Laufenburg direkt am Rhein und blickt aus seinem Arbeitszimmer täglich auf den mal trägen, mal stürmischen Fluss und auf viele Baumkronen; aus dieser Konfrontation mit dem steten Vergehen entwickelt er nicht nur zarte Elegien des Abschieds, sondern auch Texte voll Selbstironie. Dabei durchdringt der ausgebildete Naturwissenschaftler Haller alles, was er sieht, und schildert immer im Wissen um die unsichtbaren Schichten dahinter. Im zähen Ringen mit der Sprache bis an die Grenze des Sagbaren verliert er sich nie im poetischen Ungefähren, sondern zielt stets aufs Einfache, wie in dieser doppelbödigen Lebensbilanz: «Dein Leben stellt sich / als Album dar: Fotos / unbeholfen eingeklebt / schief gerutscht / die Sonnenuntergänge / abgeschnitten die Füsse / die Liebste unscharf – / genau so war es / ist es gewesen / ich erinnere mich».

Christian Haller misst in seinen Gedichten nicht nur die Natur oder den Himmel aus, wie er einmal schreibt, sondern in spielerischem Ernst geht es immer ums Ganze seiner Existenz.

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LAUB VOR DEM WINTER

Beat Mazenauer, Viceversa, 18. 12. 14

Einen andern, melancholisch gefärbten Ton schlägt Christian Haller in seinen Gedichten an. Der eintretende Winter, der Fluss, daran ein Haus, darin einer sitzt, schreibt und sich erinnert. Christian Haller geht vom Naheliegenden aus. Das Laub fällt von den rauschenden Bäumen, und es fällt vom schreibenden Ich ab, nicht weit vom Stamm sammeln sich die Blätter der frühen Jahreszeiten, die auch Jugendzeiten waren. Das letzte Laub vor dem Winter.

Laub vor dem Winter verbindet die vergänglichen Vorgänge in der Natur mit dem lyrischen Ich und seinem Tun: dem Schreiben. Wie die Bäume ihre Blätter spriessen lassen und am Ende verlieren, lässt es auch der Autor auf Blättern spriessen, ohne der Vergänglichkeit zu entgehen.

In diesem Herbst
dämpfe ich mich zu
sanfter Vergilbung
warte auf die Heimkehr
in die Schwarz-weiss-Fotos
meiner Kindheit

Der Fluss vor dem Fenster mit den ihn säumenden, rauschenden Bäumen ist ihm Trost und Sinnbild, das nahe Wasserschloss der zusammenströmenden drei Flüsse «unterm Brugger Berg» wird zur Utopie. Hier lebt die Wasseramsel, der der Autor abschliessend einen jambischen Zyklus über die grundlegenden geometrischen Formen widmet.
Das alles ist vom Autor behutsam gesetzt und mit leiser Melancholie durchwirkt. Im Geschriebenen wird er Teil seiner Beobachtungen. «In die Leere meines Kopfes / dringen Laute», woraus sich Worte, Sätze, Seiten aufbauen, derweil er versucht, «den Überblick / über die Trümmer / meiner Ruhe zu bewahren». Um Halt bemüht im Grund der Worte, bis zum letzten Punkt.

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Basler Zeitung, Dezember 2014

LAUB VOR DEM WINTER. GEDICHTE VON CHRISTIAN HALLER

Ein Buchtipp für die BaZ von Urs Faes

Die Strategie der Inspiration und die Taktik des Geistes, das Fleisch der Poesie und das Phantom luzider Prosa – so beschreibt Nabokov einmal die Merkmale der Lyrik. Es ist die Lyrik eines Epikers, bei dem die Elemente luzider Prosa eine Rolle spielen, selbst als Phantom. Das kann auch für Christian Haller gelten, den wir Leser als bestandenen Epiker kennengelernt haben, etwa durch die Trilogie der Erinnerung, also eine auch in der Lyrik dem Erzähl- und Materialcharakter zuneigende Dichtung.

Gelegentlich und selten schreibt er Gedichte, wie in dem Band „Laub vor dem Winter“, eben erschienen in der von Markus Bundi herausgegebenen „Reihe“ im Wolfbach Verlag. Der Fluss/ eben im Begriff/ inne zu halten// lässt die Wolken/ ziehen. So werden Wirklichkeitsfasern zu Augenblicksmomenten verdichtet. Viele Themen, die in solch einfachen Bildern lyrisch knapp aufblitzen, könnten auch Themen der Prosa sein, der Condition humaine, „Leben stellt sich als Album dar“: die Liebe gehört dazu, ihre Fragilität, das Gefährdetsein des Einzelnen durch Verluste, durch das Schwinden der Lebensenergie, durch den Tod, der immer aufscheint und näher rückt: So wie ich mein Leben/ geführt habe/ wird der Tod/ ein weisses Blatt sein// kein Buchstabe wird/ mehr die Tür öffnen/ zu Geschichten/ in denen ich einzig leben konnte. Der Tod, der näher rückt und die Geschichten beenden wird, wird auch Anlass zurückzuschauen: In diesem Herbst/ dämpfe ich mich zu/ sanfter Vergilbung// warte auf die Heimkehr/ in die Schwarz-weiss-Fotos/ meiner Kindheit. Auch wenn oft eine leise Melancholie in diesen Versen liegt und eine schmerzlichen Erkenntnis, bleiben sie tröstlich berührend. Das liegt an der klaren Form und dem bestechend eindringlichen Klang dieser Verse, die in der schlichten Schönheit der einfachen Bilder das Leben auch da zu feiern vermögen, wo seine Endlichkeit aufscheint: Auf dem Fluss/ zwischen den Aesten/ sich neigender Uferbäume -/die Königsdramen der Enten. Dazu trägt auch der vermessend genaue Blick des Schreibers bei, die Lakonik, die Raum lässt für Assoziationen, ein oft sprödes Sprechen, das auch für den empfindsamen Moment die strenge Form sucht, eben das, was eingangs als „Strategie der Inspiration“ und „Taktik des Geistes“ vermerkt wurden, die für den ausgebildeten Naturwissenschafter Haller typisch sind. So wagt er auch in einem ganzen Zyklus des Bandes sogar die jambische Versform, ganz schön unzeitgemäss, wie es nur die Lyrik sein darf: widerständig.

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Literatur, Aargauer Zeitung, 22. 10. 2014

MIT GEDICHTEN AUS DER ZEIT FALLEN

Christian Haller zelebriert im Lyrikband «Laub vor dem Winter» eine kunstvolle Bildersprache

Silvia Hess

Als Handwerk «ohne goldenen Boden», hat Paul Celan das Gedichteschreiben bezeichnet. Ja, er bezweifelte, dass es überhaupt einen Boden habe. Immerhin setzen sich Lyriker heute mit ihrem Tun zwischen alle Stühle. Sie sind zuerst einmal Rebellen. In einer Zeit, da sich Infos und News in Pulsschlag-Manier eines Sprinters folgen, stemmen sie sich mit bewundernswerter Verwegenheit gegen das Diktat der Hektik: Sie setzen auf Langsamkeit, auf Musse, auf Geduld. Und auf ein Leseabenteuer mit unsicherem Ausgang. Denn (gute) Gedichte sind keine Rätselaufgaben, die nach einigem Knobeln gelöst werden, sondern Geheimnisse. Christian Hallers neue Gedichte, gesammelt im Band «Laub vor dem Winter», gehören aufs Schönste zu ihren Hütern. Liegt doch in seinen Zeilen ein unsichtbarer, nicht zerlegbarer Rest.

«So nah am Stamm / sind meine Blätter gefallen // schauen den winkenden / Flügeln des Reihers nach // der übers Wasser zieht / steif gestreckt die Beine // krampfhaft gekrümmt / der Hals // unterm nebelgrauen Gefieder / ein quälender Hunger»

Ist es ein Baum, der da spricht, ein Dichter, der seine noch weissen – oder vollgeschriebenen Blätter müde sinken lässt? Fliegt der Reiher als Hoffnungsbote übers Wasser, unbeschwert vom Gewicht der Erde, nur mit immerzu «quälendem» Suchtrieb belastet? Es bräuchte Mut, die Fragen zu beantworten – Unerschrockenheit, die nicht gefragt ist. Die Zeilen haben es nicht auf Beweise abgesehen, sie sind nicht einem Höhepunkt zugesteuert, sondern sind Metapher für den Lidschlag eines Augenblicks, für das Jetzt. Momente später könnte alles anders sein – und trotzdem wahr. Diesem schwebenden, schutzlosen Ort setzt sich das Gedicht aus, beschwert mit seinen wenigen Worten, ohne alle Phrasen – und allein. Als federgewichtiger Trost im monologischen Sprechen steht ihm lediglich seine eigene Wahrheit gegenüber. Und im allerbesten Fall Lesende, die innehalten, bereit, ein Gedicht lang aus der Zeit zu fallen.
Noch ist es nicht Winter. In Christian Hallers neuen Gedichten fällt noch Laub. Aber die Feuerstellen sind schon leer, die Gemüsegärten verlassen, die Vögel schweigen, und es weht eine kalte Bise. Oft kehrt der Blick zurück auf die «Schwarz-Weiss-Fotos meiner Kindheit». Und er weitet sich auch auf das Mysterium, das kommen wird, wenn alle Blätter auf der Erde liegen:

«So wie ich mein Leben / geführt habe / wird der Tod / ein weisses Blatt sein // kein Buchstabe wird / mehr die Tür öffnen / zu Geschichten / in denen ich einzig / leben konnte»

Die Klangfarben sind verhalten, wie herbstliches Laub im Nebelgrau, der Sound in Moll gehalten, doch weit davon entfernt, in Larmoyanz auszuarten. Es gibt kein Aufbegehren, keine Bitterkeit. Es gibt auch keine Beschleunigung im Rhythmus und keine Verlangsamung. Ruhig, gefasst, fliesst der Sprachfluss vorwärts. Nichts Ungefähres begleitet ihn, und doch bewegt er sich souverän auf dem schwierigen Grat zwischen Ausgesprochenem und Unsagbarem.
«Sieben jambische Fluchtversuche» beschliessen den Band. Raum, Linie, Fläche, Kreis, Würfel, Pyramide, Punkt, heissen, stellvertretend für die unausweichlichen Begrenzungen, die Orte, vor denen das Gedicht-Ich fliehen will. Oder besser: dessen vorgegebene Gangart es zu unterlaufen versucht: «Ich will das Unbegrenzte!» ist die Devise, raus, aus den Zwängen, der Wunsch und Wille. Den Raum verlassen, auf der Geraden sich krumm fortbewegen, im Kreis geradeaus – hier ist sie auf den Punkt gebracht, die Rebellion. In «Punkt» heisst es: «An diesem Ort, / der keiner ist, / hielt ich mich auf: // Kein Ich, kein Es, / ein Nichts, das Anfang / und auch Ende ist …» Wer Gedichte schreibt hat nicht die Wahl. In der Zeit ihres Entstehens verstummen die Gesetze des Eingebundenseins in Zeit(-Geist) und Raum. Es haben andere, zeit- und ortlose Regeln das Sagen. Eigenständige Infos, die von innen kommen und sich mittels «handwerklicher» Wortarbeit zur kunstvollsten Bildersprache wandeln.

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NZZ am Sonntag vom 31.08.2014, Seite 78: Buch
Augenmensch

Christian Haller: Laub vor dem Winter.

Gedichte. Wolfbach, Zürich 2014. 67 S., Fr. 25.90.

Der Aargauer Autor Christian Haller ist uns vor allem als Erzähler vertraut. Namentlich mit seiner grossen «Trilogie des Erinnerns» hat er sich in die Geschichte der Schweizer Literatur eingeschrieben. Doch der Romancier hat sich auch immer wieder als Meister der kleinen Form gezeigt: Seine Kurzprosa fasziniert nicht weniger als sein schmales lyrisches Werk. «Laub vor dem Winter», der dritte Gedichtband des mittlerweile 71-jährigen Autors, ist auf einen elegischen Ton gestimmt. Die Texte sprechen gelassen, lakonisch und doch eindringlich vom Entschwinden des Lebens, vom Nachlassen der Sinne und Kräfte, vom absehbaren Tod. Gleichzeitig sind sie eine beglückende Feier des Augenblicks. Dies ganz im Wortsinn. Denn während andere Dichter vor allem ihrem Sinn für den Klang der Sprache vertrauen, ist Haller ein Augenmensch. Der exakte Blick, der sein ganzes Werk bestimmt, zeichnet auch seine Gedichte aus. Wir spüren in ihnen den Naturwissenschafter, der sich auskennt mit Bildern, Formeln, Grafiken, auch mit der Schönheit mathematischer Verhältnisse. Wir erleben aber auch den Dichter, der das Unbestimmbare in der vermessenen Welt sucht und findet. Christian Haller ist kein Mann des perlenden Melos. Doch wer sich in seine Gedichte vertieft, wird in den nur scheinbar spröden Gebilden beglückende Zartheit entdecken. (pap.)

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Buchvernissage:
Aargauer Literaturhaus Lenzburg
Montag, 27.10.2014, 19.15 Uhr


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