Leben

Moers, 63, Schrifsteller, leidet an Gehirntumor. Auswirkungen dieser Krankheit sind das Zittern der Hände, auch deren Schwäche, sowie das Fehlen von Worten oder das Verwechseln von Begriffen. Es gehört zu den Symptomen, dass Moers, während er mühelos und scheinbar ohne jegliche Behinderung spricht, plötzlich Worte nicht mehr findet oder glaubt, ein Wort gesagt, dabei aber ein anderes, meist unpassendes, verwendet zu haben. Das wirkt komisch, und Moers selbst hat durchaus Humor. Während des gesamten Stücks versucht Moers, sich eine Zigarette anzuzünden und so, etwas sehr Einfaches und Alltägliches zu tun: Das Gelingen wird zur Überlebensfrage, denn solange er kann, was er gewohntheitsmässig immer wieder getan hat, solange ist sein Überleben "bewiesen".

Während Moers jüngere Frau Anna, die Tochter und der Freund unfähig dem Tod gegenüberstehen, ihm nur mit Lügen und Vertröstung begegnen können, die ihre eigenen Unfähigkeiten voreinander und vor sich selber schonen, wird allmählich offenbar, dass Moers auch die höchste Realität hat: Er ist lebendig, obschon er stirbt.
Aus einem Brief