Die Hauptfigur Paul Bálint der Novelle «Einfallende Dämmerung» könnte in Vielem Christian Haller selbst sein. Und sie es wohl auch. Der unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2023 ausgezeichnete Autor ist bekannt dafür, dass er in seinen Werken oft autobiografische Stoffe aufgreift.
Bálint ist ehemaliger Mikrobiologe. Auch Christian Haller hat als studierter Zoologe einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Beide – Figur und Autor – sind über 80.
Auch sind beide der Überzeugung, dass es mit diesem hohen Alter «tatsächlich einen Bruch gab und ein neuer Lebensabschnitt mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen begonnen hatte». So heisst es im Buch. Und so bestätigt Christian Haller auf Nachfrage seine persönliche Erfahrung.
Fremd unter Freunden
Die Novelle setzt mit dem Geburtstagsfest für Paul Bálint ein, das jüngere Forscher-Kolleginnen und -Kollegen für die einstige Wissenschafts-Koryphäe ausgerichtet haben. Doch Bálint verspürt eine tiefe Einsamkeit. Er fühle sich «von der Konversation ausgeschlossen»: «Er war kein Teil der Forschungscommunity mehr. In ihrem Kreis gab es ihn lediglich als eine Erinnerung: gut und ehrenwert, doch längst vergangen.»Subitl und bildhaft erzählt Christian Haller aus Paul Bálints Alltag: Wer er in seiner Nachbarschaft zwar als netter älterer Herr gilt, dem man auf der Strasse freundlich zunickt. Für den sich aber keiner mehr interessiert.
Neuer Blick, wachsende Gelassenheit
Doch da ist nicht nur Verlust und Trauer. Vielmehr erzählt die Novelle von neuen Perspektiven, die sich der Figur eröffnen. So entdeckt Paul Bálint etwa, wie schön es für ihn ist, langsamer zu gehen als früher.
Dies gebe ihm «das Gefühl, weder fünftausend Schritte noch ein Ziel erreichen zu müssen. Er konnte auf seinen Spaziergängen stehen bleiben, schauen oder eine bestimmte Einzelheit, ein gemeisseltes Wappen über einer Haustür zum Beispiel, studieren.»
«Sich nach dem Essen hinzulegen», so liest man, sei «ein fester Bestandteil seines Alltags geworden.» Dies ist völlig neu. Vorher gab das Bedürfnis nicht. Und im Labor blieb dafür sowieso keine Zeit. «Heute jedoch genoss er es, … der Müdigkeit nachzugeben, und der Moment der Entspannung war ähnlich lustvoll wie der erste Schluck Kaffee am Morgen.»
Kurzum: Bálint muss nicht mehr, er darf. Diese Verschiebung ist die Folge der Endlichkeit, die absehbar geworden ist. Sie schafft neue Relationen. Und Distanz zu vermeintlich wichtigen Zielen, die es lange Zeit pflichtschuldigts zu erreichen galt.
Befreiende Leichtigkeit
Paul Bálint findet sich «in einem Raum wieder, in dem nichts mehr selbstverständlich ist. Die festen Zuschreibungen beginnen sich aufzulösen, der Moment wird wichtig, und in allen Dingen macht sich die Vergänglichkeit bemerkbar.» Eine neue Leichtigkeit durchströmt das Dasein. Nimmt ihm den Ernst.
Am Ende dieses Lebens scheint sich ein Kreis zu schliessen: Der einstige zielstrebige und auf den beruflichen Erfolg fokussierte Mikrobiologe agiert nun aus dem Moment heraus. Denn was ist schon morgen?
Er entwickelt dabei jene Haltung dem Leben gegenüber, die kleine Kinder haben: Dem nachgeben, das sich im Hier und Jetzt anbietet. Und es lustvoll tun. Diese wiedergewonnene Freiheit, dies lehrt diese bezaubernde Novelle, ist das wohl schönste Geschenk, welches das hohe Alter bereithält.
Werner App, journal 21
Die zwei Kammerndes Alters
In locker gefügten Szenen verfolgt Christian Haller in seiner Novelle «Einfallende Dämmerung» einen angesehenen Wissenschaftler beim Älterwerden. Und zeigt: Das Alter ist nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch eine grosse Herausforderung. Die anzunehmen sich aber sehr lohnt.
Zu seinem achtzigsten Geburtstag hat seine Pariser Freundin Madeleine dem Mikrobiologen Paul Bálint eine schöne Überraschung bereitet. Sie hat Freunde und enge Wegbegleiter zu einem Abendessen in ein altes, nicht allzu grosses Bistro eingeladen. Bálint ist glücklich, gekommen ist auch Martha Herschova von der California University – eine Koryphäe seines Fachs, die schon bald zum Mittelpunkt der Diskussionen wird. Er sei stolz, noch immer der Forschungscommunity anzugehören, sagt Bálint: «Ihr seid meine Familie.»
Doch in seinem Innern spürt er etwas anderes, und das breitet Christian Haller in seiner Novelle «Einfallende Dämmerung» nun in lose gefügten, wunderbar knapp gehaltenen Szenen vor seinen Leserinnen und Lesern aus: Er spürt, dass er nicht mehr dazu gehört. Dass er, bei allem Ehrgeiz, der ihn immer noch beseelt, ein Mann von gestern ist. Er, ein Weltbürger mit beruflichen Stationen in Basel, Paris, London, Berkeley, hat keinen Anschluss mehr. Die Geburtstagsfeier macht ihm den Abschied erst richtig bewusst. Er ist nur noch eine Erinnerung, «gut und ehrenwert, doch längst vergangen». Dabei hat er doch vor seiner Reise nach Paris «geglaubt, es sei nur eine Zahl, die sich änderte» mit dem Geburtstag.
«Im Museum der eigenen Biografie»
In der Krise, in die Paul Bálint mit seiner Pensionierung langsam gerutscht ist, hat sich nicht nur seine Frau Carla nach fast fünfzigjähriger Beziehung überraschend von ihm getrennt. Sie hat sich verliebt, unglücklich, wie sich bald zeigt, und nimmt sich deshalb auch das Leben. Kinder hat das Paar nicht, also auch keine Enkel. Was soll dieser Paul Bálint nun mit seinen leer gewordenen Tagen anfangen? Genussvoll flaniert er zunächst herum, beobachtet die Natur und die Menschen, fotografiert, was ihm auffällt, und kommentiert es mit kurzen Sätzen. Schaut zurück, reist sogar nach Siebenbürgen, der Heimat seiner Vorfahren, und findet dort nichts, was ihn berührt. Es kommt ihm vor, «als sässe er im Museum der eigenen Biografie», in dem vieles ihn schmerzlich an Carla erinnert. Kann es da noch Gegenwart, ja Zukunft geben?
Er sucht Rat beim 59-jährigen Steinberg, einem Therapeuten, der im weiteren Verlauf der Erzählung mehr und mehr zum Freund wird – der dann mit seiner eigenen Pensionierung das ebenfalls erlebt, wovon er zuvor seinem Patienten erzählt hat. Steinberg erklärt, dass es im Haus des Alters zwei Kammern gebe: die Kammer des jungen Alters und die Kammer des alten Alters. «Beide sind verschieden eingerichtet und haben durch ihre Fenster eine andere Aussicht auf das noch unbekannte Land künftiger Jahre», lässt Christian Haller ihn mit der für ihn typischen, von einer schlichten Prägnanz geprägten Sprache reden.
Mit der Pensionierung sei er mit Sack und Pack in die Kammer des jungen Alters getreten, führt Steinberg weiter aus. Im Vordergrund lärme eine «Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie», die ihre Klientel mit lauter «du sollst» bewerbe: Du sollst reisen, dich bewegen, meditieren, mobil bleiben, den Herzmuskel trainieren und fünftausend Schritte am Tag gehen. Das Paradoxe aber sei, «dass diese ganze Industrie mit ihren Forderungen von ‘du musst’ und ‘du solltest’ auf ein vergittertes Fenster hinweist, das es im Haus auch gibt.» Der Blick durch dessen Gitterstäbe aber gehe «in eine Gruft, von wo ein kalter Anhauch Vergänglichkeit hereinweht».
Am Ort, wo die Toten sind
Das junge und das alte Alter – Bálint beobachtet diese beiden Phasen jetzt mit geradezu wissenschaftlicher Akribie, was ein wenig künstlich wirkt, etwa wenn er eine Liste anlegt mit den Merkmalen der beiden Phasen. Aber vielleicht ist es seine Methode, ein sich allmählich auflösendes Leben nach aussen hin und auch vor sich selbst noch beisammenzuhalten. Warum hat Carla ihn verlassen, fragt er sich an quälend ereignislosen Tagen. Hat sie nichts Neues mehr von ihm erwartet? Er geht eine lose Bekanntschaft ein mit einer jüngeren Musikerin, später dann mit Seraina, einer Studentin, die in den Semesterferien als Bedienung arbeitet. Seraina, die ihn stark an Carla erinnert, erzählt er sogar von jenen Träumen, die er seinem Freund Steinberg vorenthält. Sie führen auf schmalen Pfaden über schwindelnde Tiefen – und an den Ort, wo er die Toten trifft: die Mutter, den Vater, den Bruder. Und Carla.
Es ist ein Ton schicksalsergebener Gelassenheit, der Christian Hallers Novelle «Einfallende Dämmerung» durchwirkt. Deren Lektüre ist zugleich tröstlich und schmerzlich. Der Mikrobiologe Paul Bálint weiss: Alles, was entsteht, wird auch wieder zugrunde gehen. Wir sind alle nur flüchtige Schatten auf dieser Erde.
Roswitha Frey, Badische Zeitung 28. 2. 26
Der Laufenburger Schriftsteller Christian Haller hat ein neues Buch vorgelegt. In der Novelle „Einfallende Dämmerung“widmet er sich dem besonderen Lebensabschnitt des Alters.
Eine litrarische Erkundungsreise in ein unbekanntes Land“: So wird das neue Buch „Einfallende Dämmerung“ von Christian Haller beschrieben, in dem es um die Erfahrungen des Alters geht. Der Laufenburger Schriftsteller ist darin zur Formder Novelle zurückgekehrt, die er so meisterhaft beherrscht. „Das ist eine Form, die ich für mich entdeckt habe“, sagt der Schweizer Buchpreisträger von 2023, „und die mir sehr entgegenkommt in ihrer Kürze, Prägnanz und einfachen Struktur“. Dazu komme, dass in Novellen immer etwas Unerwartetes, Überraschendes geschehe.
In Hallers Geschichte erlebt der Mikrobiologe Paul Bálint an seinem 80. Geburtstag, dass sich mit dieser Zahl in seinem Leben etwas Grundlegendes verändert hat. Haller ist die Figur des Zellforschers „sehr nahe“ aufgrund seiner eigenen Biografie als studierter Naturwissenschaftler. Auch seinen eigenen 80.Geburtstag hat der vielfach preisgekrönte Autor als eine Art Zäsur empfunden: „Man tritt in eine andere Lebensphase ein“. Während im jüngeren Alter noch eine gewisse Dynamik da sei, trete an diese Stelle nun mehr innere Ruhe, Zurückgezogenheit, ein neuer Lebensabschnitt.
Haller, der Ende Februar 83 wird, hat seine Hauptfigur Paul Bálint aufgrund der persönlichen Erfahrungen autobiografisch unterlegt, aber gleichwohl bleibt es eine fiktive Figur. Ein Leben lang hat Bálint in der Zellforschung gearbeitet, hat in Paris, Berkeley, London gelehrt. Als die Wissenschaftlerin Madeleine ihm zu Ehren ein Festessen in einem Bistro in Paris ausrichtet, trifft er dort frühere Kolleginnen und Kollegen, sogar aus Kalifornien ist eine Forscherin angereist. Die Forschungscommunity sei seine Familie, sagt Bálint. Und doch spürt er bei aller Wertschätzung, dass er, längst emeritiert, kein Teil der Forschungsgemeinschaftmehr ist, sondern nurmehr eine Erinnerung. Im Hotel spricht ihn ein ehemaliger Student an, im TGV zurück nach Basel sitzt eine junge Familie, Mutter, Vater, kleiner Sohn, in seinem Abteil und macht Bálint schmerzhaft bewusst, dass ihm eine eigene Familie nicht beschieden war. Auch seine Wohnung fühlt sich nach der Rückkehr aus Paris fremd und unvertraut an, er selbst fühlt sich wie „im Museum der eigenen Biografie“. Bálint beginnt die mentalen und physischen Veränderun gen des Alters am eigenen Leben zu erkunden.
Christian Haller, ein feinfühliger Erzähler von klarer, feiner, detailgenauer Sprache, stellt seinem Hauptcharakter Bálint den Therapeuten Steinberg als Gesprächspartner und Freund zur Seite. Steinberg ist es auch, der die Theorie von der Kammer des jungen Alters und der des alten Alters aufbringt. Bálint steht nun mit 80 an der Schwelle zu letzterer. Durch die Gespräche zwischen Bálint und dem jüngeren Steinberg kommt eine philosophische und psychologische Ebene in die Novelle.
Bálint, so wird in Erinnerungen aufgerollt, hat in der Kammer des jungen Alters tiefgreifende und einschneidende Erfahrungen durchgemacht: das Ende seiner Berufstätigkeit als anerkannter Forschender und Lehrender und den Verlust seiner Frau Carla, die eine erfolgreiche Fotografin war, mit ihm nach Kalifornien ging, sich zurück in der Schweiz von ihm trennte, psychiatrische Hilfe benötigte und später Suizid beging. Nie hat Bálint den Tod seiner großen Liebe verwunden. Anhand von Schnappschüssen hält er Episoden und Erinnerungen fest, wie Sinnbilder für das, was sich ereignet hat. Er sieht Bilder von sich, von früher, „der Fremde, der ich einmal gewesen bin“.
Bálint gewinnt langsam eine gewisse Distanz zu den Schicksalsschlägen und beginnt, sich damit zu beschäftigen, was noch vor ihm liegt: die letzte Strecke und was sie an Herausforderungen bringt. In seiner Erforschung des eigenen Alterns und der „mikrobiologischen Gesellschaftsbetrachtung“ entdeckt er, dass im „alten Alter“ eine Freiheit liegen kann. Er findet im Schlendern zu subtilen Beobachtungen und Wahrnehmungen seines Alltags und seiner Umwelt, begegnet einer jungen Kunst- und Soziologiestudentin, die für ihn wie die Enkelin ist, die er nie hatte. Und er entschließt sich zu einem Aufbruch, zu einer Veränderung. Er will öfter nach Paris fahren und weiterforschen zur Analogie von Zellbiologie und Gesellschaft – zu seinem eigenen Vergnügen.
Reinhard Valenta, Südkurier, 18. 3. 26
Christian Hallers neues Buch ist eine Wanderung am Grenzfluss der Lebenden und der Toten
Im Literaturverlag Luchterhand ist Christian Hallers Novelle "Einfallende Dämmerung" erschienen, die sich mit dem Alter, dem Altern und dem Tod befasst.
Der Laufenburger Schriftsteller Christian Haller legt ein neues Buch vor. Die Novelle "Einfallende Dämmerung" handelt vom Altern und vom Alter.
Christian Haller zählt zu den bedeutenden Gegenwartsauroren der deutschen Sprache. In unserer Region ist er auch als Grenzgänger bekannt. 1943 in Brugg an der Aare geboren, wohnt der Träger des Schweizer Buchpreises heute auf der deutschen Seite Laufenburgs. Seine Texte verfasst er jedoch in seiner „Schreibwerkstatt“ auf der Schweizer Seite. Nicht nur die Nachbarn sehen ihn tagtäglich die Rheinbrücke queren.
Die Handlung spielt am Ufer des Styx, dessen Todesrauschen allgegenwärtig ist
Mit der neuen Novelle „Einfallende Dämmerung“ erweist sich Haller indes als Grenzgänger an einem anderen Fluss. Die alten Griechen nannten ihn Styx. Für sie war er die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und jenem der Toten. Allerdings hat Haller dem Fährmann Charon noch nicht den Obolus für die Überfahrt gezahlt. „Einfallende Dämmerung“ handelt vorerst am Ufer des Styx. Dessen Todesrauschen ist jedoch allgegenwärtig.
Die "unerhörte Begebenheit" - seit Goethe das Merkmal einer Novelle – ist in Hallers Fall der 80. Geburtstages des renommierten Schweizer Mikrobiologen Paul Bálint. Ihm zu Ehren hat eine noch in der Forschung tätige ehemalige Kollegin in einem Pariser Restaurant eine Feier organisiert. Was als Ehrung gedacht war, verkehrt sich jedoch im Laufe des Abends ins Gegenteil. Während die Anwesenden im Beruf stehen und ihre aktuellen Erfahrungen austauschen, fühlt sich der Pensionär nicht mehr diesem exklusiven Kreis zugehörig, ja ausgeschlossen. Der Grund des nun aufbrechenden Gefühls der Fremdheit ist sein Alter.
Bálint hatte bis zu jenem Abend die Wissenschafts-Community in Ermangelung einer eigenen als seine „Familie“ angesehen. Doch bereits nach seiner Emeritierung mit 70 Jahren war sein Leben aus den Fugen geraten. Kaum hatte er Abschied vom Wissenschaftsbetrieb genommen, verabschiedete sich seine Frau von ihm. Nach einem gemeinsam zurückgelegten Lebensweg von fast 50 Jahren, der aber kinderlos blieb, ging sie eine Beziehung mit einem jüngeren Mann ein. Tragisch, denn sie war in die Fänge eines Narzissten geraten, der sie in den Selbstmord trieb. Bálint „fühlte sich halbiert“, rutschte in eine Depression und begann bei dem 59-jährigen Psychotherapeuten Steinberg eine Behandlung.
Die Kammern des jungen und des alten Alters
Im Laufe der Therapie erfährt Bálint von Steinbergs Theorie des Alterns. Ihr zufolge gibt es „im Haus des Alters zwei getrennte Bereiche“, nämlich „die Kammer des jungen Alters und die Kammer des alten Alters“. Laut Steinberg sind beide „verschieden eingerichtet und haben durch ihre Fenster eine andere Aussicht auf das noch unbekannte Land künftiger Jahre“. Im ersten Altersabschnitt nach der Pensionierung lauern viele „Klischees“. Während man in der Kammer des jungen Alters zum Beispiel sich auf Reisen begeben und Dinge tun wolle, für die man im Berufsleben keine Zeit hatte, findet, so Steinberg, in der Kammer des alten Alters „ein Wandel statt, den viele nicht realisieren und der doch bezeichnend ist“. Nun durchdringt der Gedanke an die Vergänglichkeit und den Tod die Gefühls- und Gedankenwelt der über 80-jähigen.
Ohne allzu viel von Christian Hallers fein und zugleich klar erzählter Novelle zu verraten, sei hier so viel angedeutet: Der Naturwissenschaftler Bálint überprüft die vom Psychotherapeuten und Geisteswissenschaftler aufgestellte Theorie anhand seines eigenen Ganges durch die „Kammer des alten Alters“. Dies macht er mit naturwissenschaftlicher Akribie. Allerdings ist das Ergebnis dieser Prüfung eher von poetischem Charakter: Selbst die „einfallende Dämmerung“ des Seins zum Tode hat heitere und befreiende Seiten.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“
Gerhard Stadelmaier: Begründung der Jury
Es ist eigentlich nur ein Schritt durch die Tür von der einen Kammer in die andere, von der „Kammer des jungen Alters“, die dem Bewohner noch ein bisschen schön illusionäre Zukunftsblicke aus nur halb verhangenen Fenstern verheißt, hinein in die „Kammer des alten Alters“, die ganz wunderlichterfüllt ist von dem, was Balínt als „Einfallende Dämmerung“ begreift und wahrnimmt. So auch der Titel von Christian Hallers Novelle. Novellen sind dramatische Prosa-Erkundungen von unerhörten Begebenheiten. Die wunderbar schmerzliche, aber schönst menschliche unerhörte Begebenheit dieses kleinen, kaum merklichen, aber entscheidenden Schritts einer Kammerschwellendurchquerung hat sich der Schweizer Mikrobiologe Paul Balínt an seinem achtzigsten Geburtstag bewusst zu machen, den er, der bisher jüngere Alte, hochgeehrt und von allseits gratulierender Ex-Kollegen-Corona umgeben, in einem Pariser Bistro begeht. Die Theorie von den zwei Kammern des Alters stammt von Balínts Freund und Psychotherapeuten Steinberg, der Balínt die nun zu betretende und zu erobernde „Kammer des alten Alters“ mit einrichten und vor allem zu verstehen hilft. Aus dieser Kammer geht für Balínt der Blick zurück auf ein Leben voller beruflicher Erfolge, aber menschlicher Abschiede und Verluste: Seine Frau zum Beispiel hat ihn für einen Anderen, Jüngeren, Schöneren verlassen, er steht trotzdem zu ihr bis zu ihrem Tod. Abnehmende Sehkraft. Aber Zunahme der Erinnerungen. Und vor allem: Fallende Schranken für die freier gewordenen Blicke hinaus in die Welt und zurück auf Lebende und Tote. Christian Haller, Jahrgang 1943, der selbst als Mikrobiologe im Duttweiler-Institut bei Zürich gearbeitet hatte, ist und bleibt in allen seinen Romanen (zuletzt „Das Institut“) der Schweizer Großmeister unmerklicher, wie selbstverständlich sich ereignender Unerhörtheiten, die in so grandios wie genial einfach komponierter Kontrapunktik von der Warte einer heiter entspannten Gelassenheit eine Welt der Unzulänglichkeiten, der Verluste und Abschiede in den menschlichen Blick nehmen. Auch Hallers „Einfallende Dämmerung“ steht sozusagen in fis-Moll, der wundertollen Abschiedstonart.
Jan Drees, Redaktor DLF, Buchzeichen
Der Tod und seine Verräter
Christian Haller stellt einen 80-jährigen Biologen vor, der seinen eigenen Verfall beobachtet wie einst die Zelle unterm Labormikroskop. Der selbst sogar 83-jährige Schweizer-Buchpreisträger von 2023 legt mit „Einfallende Dämmerung“ eine konzise, die Melancholie abwehrende Bilanz-Novelle vor.
Anmoderation
Dass die Naturwissenschaften mit den schönen Künsten und der Literatur verbunden sein können, zeigt der ungebrochene Nature Writing-Boom unserer Tage – aber es gab diese Verschwisterung bereits beim Dichterfürsten und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe, später in den kulturwissenschaftlichen Schriften inzwischen verstorbener Geistesgrößen wie Villém Flusser oder Friedrich Kittler – die leichthändig Literatur- und Kommunikationswissenschaft verbanden mit Theorien zu Entropie, Thermodynamik oder Quantenmechanik. Der 1943 im schweizerischen Brugg geborene Schriftsteller Christian Haller ist ebenfalls ein Wandler zwischen beiden Welten. Einst studierte der inzwischen 83-jährige Zoologie und gehörte später der Leitung des Gottlieb Duttweiler Institute bei Zürich an. Gleichzeitig veröffentlichte Haller Romane, Gedichte, Essays und Theaterstücke – und erhielt neben verschiedenen Auszeichnungen vor drei Jahren den Schweizer Buchpreis für eine Novelle mit dem schönen Titel „Sich lichtender Nebel“. Nun folgt ein weiteres Stück dieser sich kurzfassenden Gattung: nun lichtet sich weniger etwas, stattdessen beschreibt Haller eine „Einfallende Dämmerung“. Mehr weiß mein Kollege Jan Drees.
Jan_1
Diese kurze Geschichte eines langsamen Endes beginnt mit dem Eintritt in einen zunächst gewöhnlich wirkenden Raum. Der emeritierte Biologie-Professor Bálint betritt an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstückssaal des Pariser Hotels Ducret.
Zitat_1 (männlich)
„Es war vor sieben Uhr, und erst wenige Gäste saßen an den Tischen. Bálint sah sich nach einer ruhigen Ecke um. Ob zu Hause oder unterwegs, er hatte die Eigenheit, den Tag mit zwei Tassen Kaffee zu beginnen, danach sich zurückzuziehen, zu lesen und zu schreiben, um nach ein, zwei Stunden zu frühstücken.“
Jan_2
Doch an diesem besonderen Morgen wird Bálint von einer Serviererin überrascht. Sie führt ihn zu einem Tisch, an dem ein Kuchen mit vier brennenden Kerzen aufgestellt ist. Es ist die erste von mehreren Aufmerksamkeiten seiner alten Freundin und Kollegin Madeleine, die für den gleichen Abend ein Fest zu Ehren Bálints ausrichten wird.
Zitat_2 (männlich)
„Die Geste rührte ihn, hatte er doch mit nichts dergleichen gerechnet.“
Jan_3
Mit dieser Szene ist gleichzeitig der Ton von Christian Hallers neuer Novelle gesetzt. Auf gerade einmal 130 Seiten lotet dieser berückend schöne Text das komplizierte Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus – hinsichtlich der melancholischen Frage, wie sich die Gegenwart verdüstert während der titelgebenden „einfallenden Dämmerung“, die den nahenden Tod des Helden ankündigt. Wieviel können wir sehen, was dennoch erkennen, während das Licht abnimmt und die Konturen unserer Welt verschwimmen? Dieses unheimliche Bild einer Verdüsterung wird allerdings nicht verrätselnd, sondern in naturwissenschaftlicher Nüchternheit beschrieben. Diese Spannung zwischen dem Mysterium auf der Inhaltsebene und den klaren Tons auf der Stilebene macht „Einfallende Dämmerung“ zu großer Literatur – die sich auch an weitere Literatur anlehnt. Denn schon der Name von Bálints Freundin Madeleine deutet offensichtlich auf Marcel Proust’ „À la recherche du temps perdu“ hin, also auf jene „Suche nach der verlorenen Zeit“, die wenig später explizit in Hallers Novelle genannt und als Sinnbild seiner größten Befürchtungen dargestellt wird.
Zitat_3 (männlich)
„Jetzt fragte er sich, ob es anstelle einer ‚Recherche du temps perdu‘ eine der ‚temps présent‘ oder gar ‚future‘ geben könne? War es möglich zu erforschen, was man gleichzeitig lebte?“
Jan_4
In knappen Szenen folgt diese Geschichte einem Naturwissenschaftler, der über Jahrzehnte seines Lebens durch die Okulare seiner Labormikroskopen geschaut hat – und nun auf ähnlich nüchterne Weise die eigene Vergänglichkeit begutachtet, sich jedoch gleichzeitig auf eine rückblickende Suche nach der verlorenen Zeit macht. Um wenigstens für einen Moment das bedrohliche horror vacui abzuwehren, bedient sich Bálint Beobachtungsweisen der Biologie und jener empirischen Verfahren, die er während seiner Karriere erlernt hat. Er katalogisiert die Vergangenheit auf rührende Weise, protokolliert seine Umgebung, fertigt analysierende Fotografien an. Er blätterte durch seine wissenschaftlichen Notizen und erinnert sich noch einmal an seinen größten beruflichen Erfolg.
Zitat_4 (männlich)
„Durch die Untersuchungen mit einem Stoff, der aus einem Bakterium von der Osterinsel gewonnen worden war und als Immunsuppressor wirkte, entdeckten sie am Biozentrum, dass es zwei Enzyme gab, TOR1 und TOR2, die das Wachstum der Zellen steuerten. Bei großem Nahrungsangebot schalteten sie das Wachstum ein, bei wenig Nahrung wieder aus. […] Die Entdeckung der zwei Enzyme und ihrer Wirkung auf das Zellwachstum revolutionierte einen Teil der Mikrobiologie.“
Jan_5
Es bleibt keineswegs bei diesen so leicht beschreibbaren Erinnerungen. Irgendwann blickt Bálint ebenso in die Vergangenheit einer fatalen Liaison, die sich zerschlagen – und den Biologen ohne Chance auf eine eigene Familie zurückgelassen hatte. Trotz dieser lebensprägenden Kränkung wird der Achtzigjährige noch einmal die Hoffnung auf einen kleinen Anfang zulassen, darauf, dass etwas beginnt in seinem unweigerlich absterbenden Leben. Er wird zaghaft versuchen, neue Verbindungen einzugehen – und doch nur auf alte Muster, Blicke und Gesten treffen. Trotzdem verweigert sich Bálint der drohenden, vielleicht längst einsetzenden Altersdepression, die einhergeht mit dem Schwinden lange für selbstverständlich gehaltener Fähigkeiten.
Zitat_5 (männlich)
„Es gibt im Haus des Alters zwei getrennte Bereiche: die Kammer des jungen Alters und die Kammer des alten Alters. Beide sind verschieden eingerichtet und haben durch ihre Fenster eine andere Aussicht auf das noch unbekannte Land künftiger Jahre.“
Jan_6
Dass ein Mensch mit seinem achtzigsten Geburtstag in die Kammer des alten Alters übertritt, erfährt Bálint von einem befreundeten Psychotherapeuten. Dieser gibt dem Naturwissenschaftler einen Begriff zur ihn irritierenden Anmutung. In dieser erscheinen selbst bekannte Räume wie fremd, beispielsweise das eigene Apartment, in das Bálint nach seiner Rückkehr aus Paris eintritt.
Zitat_6 (männlich)
„Die gewohnte Ansicht hatte sich von der Einrichtung abgelöst, und die Wohnung zeigte sich ihm wie bei einem ersten Blick.“
Jan_7
Dieser erste Blick ist mit dem unweigerlich letzten verbunden. „Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“, schrieb der Ästhetikprofessor und Fluxus-Künstler Bazon Brock. Treffender kann die unerhörte Begebenheit kaum beschrieben werden, die in „Einfallende Dämmerung“ ebenso spröde wie konzis poetisiert wird. Wo Bazon Brock wütet und lärmt, schaut und flüstert Christian Haller, um mit leisen Schritten einen immer kleiner werdenden Lebensraum abzugehen. Selbstverständlich wird auch dieser Biologieprofessor irgendwann sterben – doch nicht sofort, noch nicht in der Gegenwart dieser schönen Novelle, die mit einer Hoffnung endet. Denn wenigstens noch eine Sache möchte Bálint erleben, eine Erfahrung seines langen Forscherlebens wiederholen, bevor die Dämmerung endgültig in eine ewige Nacht eingeht. Er möchte: verstehen.